ellenwoods · Neuheiten 2026 · Sailor
115 Jahre, drei Hölzer und eine Stadt
Sailor feiert sein Jubiläum nicht mit einer bloßen Gravur, sondern mit Hiroshima selbst: mit Holz aus der Region, traditioneller Intarsienarbeit und einem Füllhalter, dessen Herkunft man sehen und fühlen kann.
Bei Jubiläumseditionen bin ich zunächst vorsichtig. Eine zusätzliche Gravur, eine andere Farbe, eine Zahl auf der Schatulle – und schon soll aus einem bekannten Füllhalter ein Sammlerstück geworden sein. Sailor macht es zum 115. Geburtstag erfreulich anders. Die Geschichte beginnt in Hiroshima.
Dort wurde Sailor 1911 gegründet, dort werden bis heute Füllfederhalter hergestellt, und dort hat man für die beiden Jubiläumsmodelle HIROSHIMA Yosegi-zaiku und Momiji nicht einfach nach einem historischen Firmenmotiv gesucht, sondern die Stadt selbst zum Material des Füllhalters gemacht. Das ist wörtlicher gemeint, als es zunächst klingt.
Für den HIROSHIMA Yosegi-zaiku verwendet Sailor drei Holzarten aus den Wäldern Hiroshimas: Ahorn, Ginkgo und Korkeiche. Sailor gibt ihnen sogar drei Eigenschaften mit auf den Weg: Der Ahorn steht für Harmonie, der Ginkgo für Beständigkeit, die Korkeiche für Stärke. Nun bin ich bei solchen symbolischen Zuschreibungen normalerweise etwas zurückhaltend. Ein Stück Holz wird nicht ausdauernder, nur weil eine Pressemitteilung das behauptet.
Interessant wird es dort, wo das Handwerk beginnt.
Wenn das Muster aus dem Holz selbst entsteht
Die drei unterschiedlichen Hölzer werden durch Yosegi-zaiku, die japanische Kunst der Holzintarsie, zu einem geometrischen Muster zusammengefügt. Verschiedene Farben und Maserungen ergeben dabei keine aufgedruckte Dekoration, sondern die Oberfläche selbst. Man sieht das Material, man fühlt es – und kein Schaft wird vollkommen genauso aussehen wie der nächste.
Das eigentlich Schöne an diesem Projekt ist allerdings, wie viele Hände daran beteiligt sind. Die Intarsien entstehen bei Nishikawa Furniture, das Holz wird anschließend bei Sailor zugeschnitten, weiterbearbeitet und poliert. Das Sägewerk Kikoriya gehört ebenso zur Produktionskette wie 24 Seasons Stabilized Wood Works, wo das Naturholz imprägniert und stabilisiert wird.
Das klingt zunächst nach Produktionsbeschreibung. Tatsächlich erzählt es ziemlich genau, was ein Manufakturprodukt von einem industriell dekorierten Schreibgerät unterscheidet: Man kann nachvollziehen, woher etwas kommt und wer daran gearbeitet hat.
Und Sailor hat diese Idee erstaunlich konsequent weitergeführt. Nicht nur der Schaft stammt aus Hiroshima. Auch Gestaltung und Herstellung der Bedienungsanleitung, die Papiermaterialien, traditionelles japanisches Papier und selbst das Bingo-Kasuri-Gewebe des Etuis wurden in das regionale Konzept einbezogen. So etwas gefällt mir. Nicht weil ein Füllhalter automatisch besser schreibt, wenn auch seine Verpackung aus der Region kommt. Sondern weil hier einmal nicht versucht wird, einem bestehenden Produkt nachträglich eine Geschichte anzukleben. Das Produkt ist die Geschichte.
Eine Feder im Stadtwappen
Dann gibt es noch ein Detail, das man kaum besser hätte erfinden können. Das Wappen der Stadt Higashihiroshima enthält einen Vogel, der den Aufbruch in die Zukunft symbolisiert – und eine Feder als Zeichen für Bildung. Eine Stadt, deren Symbol eine Feder ist, trifft auf einen Hersteller, der seit 115 Jahren dort Füllfedern baut. Manchmal entstehen gute Geschichten tatsächlich ohne Werbeagentur.
Sailor greift diese Verbindung am Kappenring auf. Eingraviert ist „SAILOR 115th ANNIVERSARY HIROSHIMA Est.“ – Firmengeschichte und Ort werden damit noch einmal miteinander verbunden.
Der Yosegi ist auf lediglich 115 Exemplare limitiert und trägt eine zweifarbige 21-Karat-Goldfeder. Damit bewegt er sich selbstverständlich weit jenseits dessen, was man vernünftigerweise für ein Schreibgerät ausgeben muss. Aber Vernunft ist bei einem solchen Objekt auch nicht der interessanteste Maßstab.
Momiji – Hiroshima in einem einzigen Holz
Das zweite Jubiläumsmodell ist zurückhaltender. Beim HIROSHIMA Momiji verwendet Sailor japanischen Ahorn. Momiji ist in Japan allerdings mehr als nur eine Holzart. Das Ahornblatt gehört fest zur Bildwelt des japanischen Herbstes. Für Hiroshima ist die Verbindung noch enger: Der japanische Ahorn ist Präfekturbaum und Präfekturblume und prägt zahlreiche bekannte Orte der Region. Selbst die berühmten Momiji Manju, jene kleinen mit süßer Bohnenpaste gefüllten Kuchen aus Miyajima, tragen seine Form.
Auch hier entsteht die Wirkung nicht durch Lack oder aufgedruckte Farbe, sondern durch das Holz selbst. Der Schaft bleibt vergleichsweise ruhig, die Maserung übernimmt die Gestaltung. Mir gefällt daran besonders, dass Sailor zwei sehr unterschiedliche Wege gewählt hat. Der Yosegi zeigt, was Handwerker mit Holz machen können. Der Momiji zeigt, was passiert, wenn man das Holz weitgehend für sich sprechen lässt.
Beide Füllhalter sind damit eigentlich keine Jubiläumsmodelle im üblichen Sinne. Sie sind kleine Stücke Hiroshima. Und vielleicht ist das die überzeugendste Form, einen 115. Geburtstag zu feiern: nicht durch einen großen Schriftzug auf einer Schatulle, sondern indem man zeigt, woher man kommt.