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Robert Louis Stevenson

Der Geschichtenerzähler

Das viel zu kurze Leben des Robert Louis Stevenson

Ein Füllfederhalter ist ein ungewöhnlicher Anlass, sich mit einem Schriftsteller zu beschäftigen. In diesem Fall war er sogar ein ziemlich guter.

Montblanc hat Robert Louis Stevenson eine Writers Edition gewidmet. Wer das Schreibgerät betrachtet, stößt auf ein ganzes Arsenal von Anspielungen: Kreuze wie auf einer Schatzkarte, die Planken der Hispaniola, eine Kompassrose, das Fernrohr, Piratensymbole. Fast alles verweist auf jenes Buch, das Stevenson weltberühmt machte: Die Schatzinsel.

Auf der Feder steht jedoch ein anderes Wort: Tusitala. Es ist der Name, unter dem Stevenson auf Samoa bekannt wurde. Er bedeutet: Geschichtenerzähler.

Ein Schriftsteller, den wir zu kennen glauben

Denn natürlich kannte ich Stevenson. Jedenfalls glaubte ich das. Ich kannte Long John Silver, den einbeinigen Piraten mit dem Papagei; ich kannte Jim Hawkins, die Karte, den Schatz, das Gasthaus Admiral Benbow. Ich kannte Dr. Jekyll und Mr. Hyde, jene beiden Namen, die längst aus der Literatur ausgewandert und zu einer Redensart geworden sind.

Aber was wusste ich über Stevenson selbst? Erstaunlich wenig. Was hatte dieser Mann außer den zwei oder drei Büchern geschrieben, die seinen Namen bis heute tragen? Wie lebte er? Woher kamen seine Geschichten? Wie wurde aus dem Sohn einer angesehenen Edinburgher Ingenieursfamilie ein Schriftsteller, der mit französischen Künstlern durch Europa zog, einer verheirateten Amerikanerin nach Kalifornien folgte, mit einem Esel durch die Cevennen wanderte, über den Pazifik segelte und sich am Ende seines Lebens auf Samoa in politische Auseinandersetzungen einmischte?

Und vor allem: Wie konnte ein Mann, der nur vierundvierzig Jahre alt wurde, ein Werk hinterlassen, dessen Figuren noch hundertdreißig Jahre nach seinem Tod selbstverständlich zu unserer kulturellen Ausstattung gehören?

Robert Louis Stevenson kam am 13. November 1850 in Edinburgh zur Welt. Die Stevensons gehörten zu den großen schottischen Leuchtturmbauern. Roberts Vater Thomas war Ingenieur, sein Großvater ebenfalls; Onkel und Cousins planten Bauwerke gegen Sturm, Felsen und Dunkelheit.

Robert Louis Stevenson sollte diese Arbeit fortsetzen. Er begann ein Ingenieurstudium, wechselte später zur Juristerei und bestand 1875 die Prüfung zum Advocate. Einen respektablen Beruf besaß er damit. Ausgeübt hat er ihn kaum. Er wollte schreiben.

1850 Geboren in Edinburgh
1875 Prüfung zum Advocate
1879 Reise nach Amerika
1880 Heirat mit Fanny Osbourne
1883 Treasure Island
1886 Jekyll & Hyde und Kidnapped
1888 Aufbruch in den Pazifik
1889 Samoa
1894 Tod in Vailima

Er wollte schreiben

Der junge Stevenson war kein Autor, dessen Erfolg bereits absehbar gewesen wäre. Er war schmal, exzentrisch, häufig krank und in seinem Auftreten für die bürgerliche Familie gelegentlich eine Zumutung. Er reiste nach Frankreich, suchte die Gesellschaft von Malern und Schriftstellern, schrieb Essays und Reiseberichte und entwickelte ein ungewöhnlich genaues Gespür dafür, dass Bewegung den Blick verändert.

Stevenson gehörte zu den Schriftstellern, die unterwegs denken konnten. Seine frühen Bücher handeln deshalb nicht einfach vom Reisen. Landschaften interessieren ihn, aber ebenso die Menschen, denen er begegnet, ihre Eigenheiten, ihre Sprache, ihre Vorurteile und seine eigenen.

In Frankreich begegnete er Fanny Osbourne, einer Amerikanerin, zehn Jahre älter als er, verheiratet und Mutter von Kindern. Als sie nach Kalifornien zurückkehrte, folgte er ihr 1879 trotz schlechter Gesundheit in die Vereinigten Staaten. 1880 heirateten sie in San Francisco.

1883 erschien Treasure Island. Drei Jahre später folgte Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde, im selben Jahr Kidnapped. Hinzu kamen Gedichte, Romane, Erzählungen, Essays, Reisebücher und später Texte über den Pazifik.

Einige seiner Erfindungen waren so erfolgreich, dass sie den Rest verdeckten. Long John Silver wurde zum Archetyp des Piraten; Jekyll und Hyde wurden zu Namen für eine menschliche Doppelgestalt.

Figuren, die die Bücher verließen

Die Schatzinsel wurde zum Musterbuch des Piratenabenteuers. Schatzkarte, Kreuz, einbeiniger Pirat, meuternde Mannschaft und exotische Insel wurden in Stevensons Kombination zu einem kulturellen Bildvorrat, in dem Generationen von Illustratoren, Filmemachern, Comiczeichnern und Schriftstellern weiterarbeiteten.

Long John Silver ist dafür das beste Beispiel. Stevenson gibt ihm Intelligenz, Witz, Menschenkenntnis, Grausamkeit und Charme. Jim Hawkins fürchtet ihn und ist zugleich von ihm angezogen. Diese Unsicherheit ist das Moderne an der Figur.

Noch deutlicher wird Stevensons Interesse an der Instabilität des Menschen in Dr Jekyll and Mr Hyde. Er schrieb nicht bloß eine Schauergeschichte über einen bösen Doppelgänger, sondern über den Versuch eines angesehenen Mannes, verschiedene Seiten seiner Persönlichkeit voneinander zu trennen – und über die Katastrophe, die daraus entsteht.

1888 verließ Stevenson mit seiner Familie San Francisco auf der Yacht Casco. Es folgten Reisen durch den Pazifik. 1889 erreichte die Familie Samoa, wo Stevenson schließlich ein Grundstück in Vailima erwarb und ein Haus bauen ließ.

Stevenson lebte dort nicht als weltabgewandter Romancier unter Palmen. Er beobachtete koloniale Machtkämpfe, beschäftigte sich mit der samoanischen Gesellschaft und mischte sich politisch ein. Gerade hier wurde er für viele zu Tusitala, zum Geschichtenerzähler.

Vierundvierzig Jahre

Am 3. Dezember 1894 starb Robert Louis Stevenson in Vailima an einer Hirnblutung. Wenige Wochen zuvor hatte er seinen vierundvierzigsten Geburtstag gefeiert. Am folgenden Tag wurde er auf dem Mount Vaea oberhalb seines Hauses begraben.

Vierundvierzig Jahre sind für ein Leben wenig. Für ein literarisches Werk waren sie bei Stevenson erstaunlich viel.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem die Montblanc Writers Edition ihren interessantesten Hinweis gibt. Nicht das Fernrohr, nicht die Schatzkarte und nicht die Hispaniola erzählen am meisten über den Mann, dem sie gewidmet ist. Es ist das kleine Wort auf der Feder.

Tusitala. Der Geschichtenerzähler.

Dieses Buch folgt diesem Geschichtenerzähler durch sein kurzes Leben: von Edinburgh und der Familie der Leuchtturmbauer nach Frankreich und Amerika, von den ersten Reisebüchern zur Schatzinsel, von Long John Silver zu Jekyll und Hyde, von den literarischen Erfolgen Europas bis nach Samoa.

Und es wird verfolgen, was anschließend mit seinen Geschichten geschah.

Denn Stevenson starb jung. Seine Figuren taten es nicht.