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Bram Stoker – Der Autor hinter dem Vampir Teil 2

Dann erscheint Dracula.

Nicht als Dämon aus einer fernen Sagenwelt, sondern als Störung einer Ordnung, die sich für vollkommen hielt. Stoker lässt den Vampir bewusst in das Herz der Moderne eindringen. Nicht zufällig reist Dracula mit dem Schiff nach England, nutzt Eisenbahnverbindungen und bewegt sich durch London, die Hauptstadt des Empires. Das Böse kommt nicht aus einer mittelalterlichen Vergangenheit. Es benutzt dieselben Verkehrswege wie der Fortschritt.

Darin unterscheidet sich Dracula von den meisten Schauerromanen seiner Zeit. Horace Walpole, Ann Radcliffe oder Matthew Gregory Lewis hatten ihre Geschichten in Burgen, Klöstern und vergangenen Jahrhunderten angesiedelt. Das Unheimliche gehörte dort einer anderen Welt an. Stoker dagegen holt es mitten in die Gegenwart. Seine Leser erkennen Straßen, Bahnhöfe, Zeitungen und medizinische Verfahren wieder. Gerade diese Vertrautheit verleiht dem Roman seine nachhaltige Wirkung.

Die erhaltenen Manuskripte zeigen, mit welcher Sorgfalt Stoker diesen Realismus vorbereitete. Über Jahre sammelte er Fahrpläne, Landkarten, Reiseberichte und historische Studien. Er überprüfte Entfernungen zwischen Eisenbahnstationen ebenso gewissenhaft wie die Fahrzeiten von Dampfschiffen. Manche Seiten seiner Notizbücher erinnern weniger an die Arbeitsunterlagen eines Romanciers als an die Akten eines Verwaltungsbeamten. Vielleicht überrascht das nur auf den ersten Blick. Wer Stoker ausschließlich als Erfinder eines Vampirs betrachtet, unterschätzt den nüchternen Analytiker hinter dem Schriftsteller.

Diese Genauigkeit erklärt auch, weshalb Dracula bis heute glaubwürdig wirkt. Das Übernatürliche entfaltet seine Kraft nicht trotz des Realismus, sondern gerade wegen ihm. Je präziser die Wirklichkeit beschrieben wird, desto verstörender erscheint das Unerklärliche.

In den frühen Rezensionen wurde dieser Zusammenhang kaum erkannt. Die Kritiker lobten vor allem Stokers Fähigkeit, Spannung zu erzeugen. Die ungewöhnliche Form des Romans – Tagebücher, Briefe, Telegramme und Zeitungsberichte – fand Anerkennung, ebenso die dichte Atmosphäre. Gleichzeitig warf man dem Autor vor, den Bogen gelegentlich zu überspannen und den Roman mit zu vielen Einzelheiten belastet zu haben. Aus heutiger Sicht liest sich gerade diese vermeintliche Schwäche als Stärke. Die Fülle an Dokumenten erzeugt jene Authentizität, die den Leser bis heute vergessen lässt, dass er einer erfundenen Geschichte folgt.

Stoker selbst hat diesen Wandel der Wahrnehmung nie erlebt. Als er 1912 starb, war Dracula ein geachteter Roman, aber noch kein Mythos. Erst das Theater verlieh dem Grafen seine elegante Erscheinung, Hollywood machte ihn unsterblich, und die Literaturwissenschaft begann Jahrzehnte später zu erkennen, dass der Vampir weit mehr verkörperte als eine Schreckensfigur. Er wurde zur Chiffre einer Epoche, die zwischen technischem Optimismus und kultureller Verunsicherung schwankte. Gerade darin liegt seine erstaunliche Aktualität. Jede Generation erkennt in Dracula weniger das Böse als vielmehr die Gestalt ihrer eigenen Unsicherheit.

Vielleicht erklärt sich von hier aus auch die anhaltende Faszination für Bram Stoker. Er hat keinen Roman über Vampire geschrieben. Er hat einen Roman über die Verletzlichkeit einer Zivilisation geschrieben, die glaubte, sich selbst vollständig erklären zu können. Alles andere – Theater, Film, Popkultur und schließlich der Mythos Dracula – entstand erst später.

Die Literaturgeschichte kennt zahlreiche Gestalten, die ihre Zeit überdauert haben. Don Quijote, Robinson Crusoe, Sherlock Holmes oder Emma Bovary gehören zu ihnen. Sie alle besitzen eine bemerkenswerte Eigenschaft: Mit jeder Generation verändern sie ihre Bedeutung, ohne ihre Identität zu verlieren. Dracula reiht sich in diesen kleinen Kreis ein, unterscheidet sich von den meisten seiner literarischen Verwandten jedoch in einem entscheidenden Punkt. Kaum eine Figur ist im Laufe ihrer Geschichte so weit von ihrem Ursprung entfernt worden.

Der Dracula Bram Stokers hat mit jenem Grafen, den das Kino später berühmt machte, nur noch wenig gemeinsam. Im Roman begegnet der Leser keinem eleganten Aristokraten im schwarzen Umhang. Stoker beschreibt einen alternden Mann mit buschigem Schnurrbart, kräftigen Augenbrauen und ungewöhnlich behaarten Händen. Seine Erscheinung wirkt weniger vornehm als fremd. Das Unheimliche entsteht nicht durch kultivierte Eleganz, sondern durch eine kaum zu fassende Andersartigkeit. Dracula ist kein Verführer. Er ist ein Eindringling.

Gerade deshalb lohnt ein Blick auf die ersten Jahrzehnte nach Erscheinen des Romans. Die eigentliche Geschichte Draculas wurde nämlich nicht mehr von Bram Stoker geschrieben. Sie entstand auf der Bühne.

Als der irische Schauspieler und Theaterautor Hamilton Deane den Roman in den zwanziger Jahren dramatisierte, stand er vor einem praktischen Problem. Das Wesen, das Stoker beschrieben hatte, ließ sich auf einer Theaterbühne kaum überzeugend darstellen. Das Publikum musste den Grafen auf den ersten Blick als außergewöhnliche Erscheinung wahrnehmen, zugleich aber bereit sein, ihm über längere Zeit zuzusehen. Deane entschied sich daher für eine radikale Vereinfachung. Aus dem wilden Wesen wurde ein kultivierter Aristokrat. Der Abendanzug ersetzte die Reisekleidung des Romans, der schwarze Umhang diente nicht in erster Linie der Wirkung, sondern verbarg elegante Bühnenwechsel und kleine Illusionen. Aus einer pragmatischen Entscheidung entwickelte sich eines der dauerhaftesten Bilder der Kulturgeschichte.

Als Bela Lugosi wenige Jahre später die Rolle am Broadway übernahm, kam eine zweite Veränderung hinzu. Sein ungarischer Akzent, seine langsamen Bewegungen und die beinahe statische Körperhaltung verliehen Dracula jene Mischung aus Distanz und Verführung, die später Millionen Kinobesucher mit der Figur verbinden sollten. Hollywood übernahm diese Interpretation nahezu unverändert. Der Film von 1931 wurde deshalb weniger zur Verfilmung von Bram Stokers Roman als zur Verfilmung eines Theaterstücks, das den Roman bereits grundlegend verändert hatte.

Diese Entwicklung ist für Literaturhistoriker keineswegs ungewöhnlich. Figuren beginnen häufig ein Eigenleben zu führen, sobald sie andere Medien erreichen. Sherlock Holmes trägt den charakteristischen Deerstalker-Hut vor allem deshalb, weil Illustratoren ihn so zeichneten; Arthur Conan Doyle beschreibt ihn weit zurückhaltender. Frankensteins Geschöpf verdankt seine grünliche Haut und die Halsbolzen den Universal-Studios der dreißiger Jahre, nicht Mary Shelley. Auch Dracula gehört zu jenen Figuren, deren berühmtestes Gesicht nicht aus dem Buch stammt.

Das Erstaunliche liegt allerdings woanders. Trotz aller Veränderungen blieb der Kern der Figur erhalten. Jede Epoche erkannte in Dracula etwas anderes und hielt ihn dennoch für denselben Vampir. Das erklärt seine ungewöhnliche Langlebigkeit. Große literarische Gestalten besitzen keine feste Bedeutung. Sie sind offen genug, um immer wieder neu gelesen zu werden. Hamlet wurde zum Zögernden, Don Quijote zum Idealisten, Sherlock Holmes zum Inbegriff analytischen Denkens. Dracula dagegen wurde zum Spiegel jener Ängste, die sich nur schwer benennen lassen.

Hier schließt sich der Kreis zu Bram Stoker.

Er schrieb seinen Roman am Ende eines Jahrhunderts, das von technischem Optimismus geprägt war. Die Leser des 21. Jahrhunderts begegnen demselben Text unter völlig anderen Voraussetzungen. Digitalisierung, künstliche Intelligenz, globale Vernetzung und biotechnologische Entwicklungen haben den Glauben an den linearen Fortschritt längst erschüttert. Dennoch wirkt Dracula nicht veraltet. Im Gegenteil. Der Roman scheint mit jeder Epoche neue Fragen zu stellen, weil er nie von Vampiren allein handelte. Er erzählt von der Erfahrung, dass jede Zivilisation an einen Punkt gelangt, an dem ihre vertrauten Erklärungen nicht mehr ausreichen.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Größe Bram Stokers. Er schuf keine Figur für seine Zeit. Er schuf eine Form, in der sich jede Zeit selbst betrachten kann. Nur wenige Schriftsteller ist ein ähnliches Kunststück gelungen.

Diese Entwicklung hätte Bram Stoker vermutlich mit Verwunderung betrachtet. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass er seinen Roman für den Beginn eines literarischen Mythos hielt. Seine Briefe verraten weder den Ehrgeiz, eine unsterbliche Figur geschaffen zu haben, noch den Wunsch, ein neues Genre zu begründen. Er arbeitete an Dracula mit derselben Sorgfalt, mit der er zuvor seine anderen Romane geschrieben hatte. Die Manuskripte zeigen einen Autor, der korrigiert, umstellt, ergänzt und streicht. Nichts deutet auf jenes Pathos hin, das spätere Generationen gern mit großen Schriftstellern verbinden.

Gerade diese Nüchternheit macht seine Geschichte so bemerkenswert.

Während Oscar Wilde die Öffentlichkeit suchte und George Bernard Shaw die politische Debatte liebte, zog Stoker die zweite Reihe vor. Er organisierte Theaterproduktionen, führte Korrespondenzen, plante Gastspiele und sorgte dafür, dass andere im Mittelpunkt standen. Seine eigene schriftstellerische Arbeit entstand in den Stunden nach dem Theaterbetrieb. Das erklärt vielleicht auch den Ton seiner Romane. Sie besitzen wenig von der sprachlichen Selbstinszenierung, die viele viktorianische Autoren pflegten. Stoker schreibt sachlich, beinahe dokumentarisch. Selbst dort, wo der Schrecken seinen Höhepunkt erreicht, bleibt die Sprache kontrolliert.

Gerade diese Zurückhaltung hat lange verhindert, den literarischen Rang des Romans angemessen zu erkennen. Die Kritik des späten 19. Jahrhunderts maß stilistische Eleganz häufig höher als erzählerische Konstruktion. Wilde, James oder Conrad galten als Künstler der Sprache. Stoker erschien dagegen als zuverlässiger Erzähler mit einem Faible für das Unheimliche. Erst die Literaturwissenschaft des späten 20. Jahrhunderts begann zu erkennen, wie kunstvoll Dracula tatsächlich gebaut ist.

Der Roman besitzt keinen allwissenden Erzähler. Er setzt sich aus Tagebüchern, Briefen, Telegrammen, Phonographenprotokollen, Zeitungsberichten und Schiffsjournalen zusammen. Jeder Erzähler weiß nur, was ihm in diesem Augenblick bekannt ist. Die Wahrheit entsteht nicht durch Autorität, sondern durch das Zusammensetzen vieler Stimmen. Betrachtet man diese Konstruktion genauer, wirkt sie erstaunlich modern. Sie erinnert weniger an den klassischen viktorianischen Roman als an dokumentarische Literatur des 20. Jahrhunderts.

Auch hierin war Stoker seiner Zeit voraus.

Er vertraute seinen Lesern mehr, als man lange angenommen hat. Die entscheidenden Schlüsse müssen sie selbst ziehen. Niemand erklärt den Roman. Er entfaltet sich aus Dokumenten, Beobachtungen und Widersprüchen. Was heute selbstverständlich erscheint, war 1897 eine ungewöhnlich anspruchsvolle Erzähltechnik.

Vielleicht erklärt sich daraus auch die merkwürdige Geschichte seiner Rezeption. Die ersten Leser sahen den Vampir. Die späteren Generationen entdeckten den Roman.

Diese Verschiebung ist in der Literatur nicht häufig. Meist verliert ein Werk mit den Jahrzehnten an Bedeutung, weil seine historischen Voraussetzungen verschwinden. Dracula verhält sich umgekehrt. Je größer der zeitliche Abstand wird, desto deutlicher tritt seine Konstruktion hervor. Der Roman wirkt heute komplexer als auf seine ersten Leser.

Die eigentliche Ironie liegt jedoch an anderer Stelle. Bram Stoker hat seinen größten Erfolg niemals erlebt.

 

Der Roman Dracula von Bram Stoker erschien erstmals am 26. Mai 1897

  • Verlag: Archibald Constable & Company
  • Ort: London
  • Erstausgabe: Hardcover in dunkelgelbem Leineneinband mit roter Schrift
  • Umfang: 390 Seiten

Interessant ist, dass Stoker den Roman bereits 1890 zu konzipieren begann. Die eigentliche Niederschrift und Überarbeitung zog sich über rund sieben Jahre hin. Seine umfangreichen Notizbücher zeigen, wie intensiv er historische Quellen, Reiseberichte, Volksglauben und medizinische Literatur auswertete.

1931 – Bela Lugosi wird Dracula
Mit der Verfilmung von Universal wird aus Bram Stokers Vampir eine Ikone des Kinos. Lugosis eleganter Auftritt mit schwarzem Umhang, stechendem Blick und aristokratischer Ausstrahlung prägt das Bild Draculas für Generationen – obwohl der Graf im Roman von 1897 ganz anders beschrieben wird.