Bram Stoker und die viktorianische Medizin
Die Spritze, das Blut und die wissenschaftliche Welt Draculas
Eine historische Injektionsspritze hat zunächst wenig mit Bram Stoker zu tun. Dennoch führt sie unmittelbar in jene medizinische und technische Welt, in der sein berühmtester Roman entstand.
Hinter den selbstverständlichsten Dingen verbergen sich oft interessante Geschichten. Das trifft auch auf die Injektionsspritze zu. Jedes Kind kennt die Einweg-Plastikspritzen, die heute für die Blutabnahme oder die Gabe von Medikamenten verwendet werden. Doch wenn man ihrer Entstehungsgeschichte nachspürt, zeigt sich bald, dass dieses scheinbar selbstverständliche Instrument ungeahnte Facetten besitzt.
Die hier gezeigte, zierliche Spritze aus dem späten 19. Jahrhundert war noch kein Einwegartikel. Wie eine kleine Kostbarkeit ruht sie in ihrem mit violettem Samt ausgekleideten Etui. Dazu gehört die aufsteckbare Kanüle mit einer langen, schräg angeschliffenen Spitze.
In die Kanüle ist ein Reinigungsdraht eingebracht. Weitere Drähte befinden sich hinter dem aufklappbaren Deckeleinsatz. Besonders auffallend ist die Art und Weise, wie die Menge der gespritzten Flüssigkeit kontrolliert wurde.
Die Graduierung von 5 bis 55 ist nicht außen am Glaszylinder angebracht, sondern auf der abgeflachten Seite des Kolbens, der als Gewindestab gearbeitet ist. Beim Spritzen drückte man nicht einfach auf den Kolben, sondern schraubte ihn langsam und präzise nach vorne.
So ließen sich auch sehr geringe Mengen exakt dosiert einspritzen. Die Abdichtung des Kolbens zur Flüssigkeit hin erfolgte durch einen mehrfach um dessen Ende gewickelten Faden.
Dieses Modell ist eine Weiterentwicklung der um 1850 von Charles-Gabriel Pravaz für die subkutane Injektion entwickelten Spritze. Sie gilt als einer der wichtigsten Vorläufer der modernen Injektionsspritze.
Die Pravaz-Spritze besaß zunächst noch keine geschliffene Hohlnadel und auch keinen später üblichen Aufsteckstutzen für die Kanüle. Die Durchführung einer Injektion war deshalb vergleichsweise aufwendig.
In die stumpfe Hohlnadel wurde ein spitzer Trokar eingeführt. Anschließend wurde die so bewehrte Nadel in die Haut gestochen. War die gewünschte Position erreicht, entfernte man den Trokar bei liegender Nadel und schraubte die gefüllte Spritze auf die Kanüle.
Die subkutane Injektion erfolgte schließlich durch das langsame Vorschrauben des Kolbens bis zur gewünschten Menge.
Der Chirurg Pravaz hatte seine Spritze ursprünglich für eine experimentelle Therapie entwickelt. Er versuchte, Aneurysmen an den Extremitäten durch die Injektion des stark gerinnungsfördernden Ferrum sesquichloratum zu behandeln.
Von sehr viel größerer Breitenwirkung war jedoch die Anwendung der Spritze zur Injektion von Morphin. Schon im Krimkrieg erfreute sich die neue Methode der Schmerzbekämpfung großer Beliebtheit.
In den folgenden Kriegen des 19. Jahrhunderts wurde Morphin in erheblichem Umfang eingesetzt. Die neue Injektionsmethode ermöglichte eine schnelle und präzise Verabreichung, schuf jedoch zugleich ein neues Problem: Zahlreiche Soldaten entwickelten eine Abhängigkeit.
Mit Bram Stoker persönlich ist diese Spritze nicht unmittelbar verbunden. Sie gehört jedoch genau in jene Epoche, in der Dracula entstand. Der Roman erschien 1897, als Medizin, Psychiatrie und Naturwissenschaften mit großer Geschwindigkeit neue Verfahren und Instrumente hervorbrachten.
In Stokers Roman ist die moderne Medizin deshalb weit mehr als dekorativer Hintergrund. Dr. John Seward leitet eine psychiatrische Anstalt, zeichnet seine Beobachtungen mit einem Phonographen auf und vertraut auf systematische Diagnosen.
Professor Abraham Van Helsing ist ebenfalls Arzt und Wissenschaftler. Seine besondere Stärke besteht jedoch darin, dass er die Grenzen des medizinisch Erklärbaren erkennt. Er verwirft die Wissenschaft nicht, sondern erweitert sie dort, wo die bekannten Erklärungen versagen.
Darin liegt die eigentliche Verbindung zwischen der historischen Spritze und Dracula. Die Spritze steht für die kontrollierte Durchdringung der Haut, für Dosierung, Therapie und wissenschaftliche Präzision. Der Vampirbiss bedeutet dagegen Kontrollverlust, Blutverlust und die Auflösung der modernen Ordnung.
Die Injektionsspritze ist daher kein persönliches Symbol Bram Stokers. Sie ist vielmehr ein prägnantes Zeitzeichen jener Welt, in der er seinen Roman schrieb.