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Bruce Lee schrieb – und dachte dabei mit der Hand

Bruce Lee wurde zweiunddreißig Jahre alt. Das ist ein Alter, in dem andere Menschen gerade lernen, Sitzungen so zu verlassen, dass ihnen keine neue Aufgabe übertragen wird. Lee hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Filmgeschichte geschrieben, eine eigene Kampfphilosophie entwickelt und einen kulturellen Einfluss hinterlassen, der ein halbes Jahrhundert später groß genug ist, um Schreibgeräte für 1.500, 52.000 oder sogar 230.000 Euro zu verkaufen.

Man sollte darüber nicht vorschnell spotten.

Oder jedenfalls erst nach genauerem Hinsehen.

Denn die Verbindung zwischen Bruce Lee und einem Schreibgerät ist weniger künstlich, als sie zunächst erscheint. Lee schrieb. Er notierte Gedanken, kommentierte seine Lektüre, entwickelte Trainingskonzepte und arbeitete schriftlich an seiner Philosophie. Schreiben war für ihn keine Dokumentation fertiger Einsichten, sondern Teil des Denkens.

Wer selbst gelegentlich etwas Vernünftiges zu Papier bringen muss, kennt den Effekt. Im Kopf ist ein Gedanke noch großartig. Sobald er das Papier erreicht, sieht er manchmal überraschend klein aus. Dann muss man ihn bearbeiten. Genau deshalb ist Schreiben Denken unter erschwerten Bedingungen.

Montblanc baut seine Bruce-Lee-Kollektion entsprechend nicht einfach nach dem Prinzip „teurer, noch teurer, völlig verrückt“ auf, obwohl man angesichts der Preisliste zu dieser Interpretation gelangen könnte. Die vier Stufen erzählen unterschiedliche Aspekte seiner Biographie. Die Special Edition steht für den Schauspieler, die auf 1.940 Exemplare begrenzte Edition für Regisseur und Drehbuchautor; darüber folgen die Limited Edition 93 und schließlich die auf acht Exemplare begrenzte höchste Ausführung. Montblanc selbst spricht von unterschiedlichen Facetten Lees als Schauspieler, Regisseur und Philosoph.

Besonders interessant ist die Limited Edition 93.

Sie kostet 52.000 Euro. An dieser Stelle darf man kurz feststellen, dass dafür auch ein ordentliches Auto erhältlich ist. Das Auto verfügt allerdings in der Regel nicht über Maki-e-Lack.

Montblanc verwendet für den Korpus und die Kappe der Edition 93 diese aufwendige japanische Lacktechnik; Rot und Schwarz dominieren. Der Clip ist vergoldet und wiederum einem Nunchaku-Stab nachempfunden. Im Konus sitzt Zedernholz – kein beliebiger dekorativer Werkstoff, sondern ein Hinweis auf die weißen Zedernsäulen der University of Washington, an der Bruce Lee Philosophie studierte. Das Montblanc-Emblem wird mit Maki-e ausgeführt und trägt das chinesische Zeichen für den Drachen. Die handgefertigte Feder besteht nun aus massivem 750er Gold und zeigt das Symbol von Lees Jeet-Kune-Do-Philosophie.

Das Gerät wiegt 97,4 Gramm und ist damit beinahe ein kleines Trainingsgewicht mit Tintenleiter. Bei einem solchen Füllfederhalter spricht niemand mehr sinnvoll von einem Alltagsstift. Er ist Kunsthandwerk, Sammlerobjekt und demonstrative Verschwendung in einem – wobei Verschwendung hier nicht zwingend als Vorwurf gemeint ist. Auch eine Oper benötigt für einen dreiminütigen Auftritt gelegentlich hundert Musiker. Effizienz ist nicht überall die interessanteste Kategorie.

Und dann gibt es die Limited Edition 8.

Acht Exemplare. 230.000 Euro.

Damit erreicht Montblanc jene Höhenlage des Luxus, in der Preisvergleiche sinnlos werden. Niemand steht im Laden und überlegt ernsthaft, ob er statt der Limited Edition 8 vielleicht doch 153 normale Bruce-Lee-Füllfederhalter nehmen sollte.

Die Zahl Acht ist dabei keineswegs zufällig gewählt. In der chinesischen Kultur gilt sie als Glückszahl, und Montblanc macht aus der obersten Edition ein High-Artistry-Objekt, das nicht mehr ernsthaft mit einem gewöhnlichen Schreibgerät konkurriert. Hier geht es um extreme Limitierung, Material, Handarbeit und Provenienz. Um Schreiben geht es natürlich auch noch – theoretisch jedenfalls. Wer einen Füllfederhalter für 230.000 Euro besitzt, wird vermutlich einige Sekunden länger überlegen, bevor er ihn neben die Kaffeetasse legt.

Das Interessante an der ganzen Kollektion ist deshalb ihre Eskalation. Sie beginnt mit einem durchaus benutzbaren, wenn auch auffälligen Füllfederhalter für 1.500 Euro und endet bei einem Objekt, dessen Besitzer wahrscheinlich weiß, wie viele Exemplare weltweit existieren und wo sich mindestens drei davon befinden.

Dazwischen erzählt Montblanc Bruce Lee immer neu: Filmstar, Regisseur, Philosoph, kulturelle Figur. Man kann das für ausgefeiltes Luxusmarketing halten. Das ist es selbstverständlich auch. Montblanc verkauft keine historischen Seminare über Bruce Lee, sondern Schreibgeräte. Aber gutes Luxusmarketing funktioniert nur, wenn das Produkt die Geschichte aushält.

Hier funktioniert sie erstaunlich gut. Denn der Mann, dem diese Geräte gewidmet sind, war eben nicht nur jener drahtige Kämpfer, der mit entblößtem Oberkörper durch unsere kollektive Erinnerung springt. Er las, dachte und schrieb. Seine größte Leistung bestand womöglich nicht darin, besonders schnell zuzuschlagen, sondern darin, sich mit keiner fertigen Antwort zufriedenzugeben.

Dazu passt ein Füllfederhalter. Ob er 230.000 Euro kosten muss, ist eine andere Frage. Bruce Lee hätte vermutlich empfohlen, selbst darüber nachzudenken.