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Bruce Lee, der Leser – Der Mann mit den 1.700 Büchern

Über Bruce Lee ist fast alles gesagt worden, nur selten das Richtige zuerst. Man spricht über seine Geschwindigkeit, die Tritte, die Schreie, über jene beneidenswert geringe Bereitschaft, sich von Gegnern lange aufhalten zu lassen. Weniger bekannt ist, dass dieser Mann einen erheblichen Teil seines Lebens mit einer Tätigkeit verbrachte, für die Hollywood bis heute keine überzeugende Action-Choreographie gefunden hat: Bruce Lee las.

Seine Bibliothek umfasste rund 1.700 Bücher. Philosophie und Psychologie standen dort neben Trainingslehre, Schauspiel, Film und östlicher wie westlicher Geistesgeschichte. Lee las dabei nicht wie ein Bildungsbürger, der nach vollbrachter Lektüre einen weiteren Rücken ordentlich ins Regal stellt. Er strich an, kommentierte, widersprach, übernahm Gedanken und führte sie weiter. Bücher waren Arbeitsgeräte.

Das ist vermutlich der interessantere Bruce Lee. Nicht der Mann, der bereits wusste, wie es geht, sondern einer, der unablässig herausfinden wollte, ob es vielleicht noch besser ging. Seine spätere Skepsis gegenüber starren Kampfsportsystemen passt dazu. Eine Methode, die nur deshalb richtig sein sollte, weil ein Meister sie seit Jahrzehnten lehrte, hatte bei ihm einen schweren Stand. Er nahm, was funktionierte, und ließ weg, was nicht funktionierte. Für manche Managementbibliothek wäre das noch heute ein ziemlich vernichtendes Auswahlverfahren.

Bruce Lee bewegte sich dabei selbstverständlich zwischen Welten. Geboren in San Francisco, aufgewachsen in Hongkong, geprägt von chinesischem Denken und amerikanischer Moderne, interessierte ihn die Reinheit einer Lehre offenbar weniger als ihre Brauchbarkeit. Identität war für ihn kein Museum, sondern Material.

Und genau an dieser Stelle wird die neue Montblanc Great Characters Homage to Bruce Lee Special Edition interessanter, als es die Bezeichnung „Fan-Edition“ vermuten ließe.

Man sieht sie und weiß sofort, um wen es geht. Das Gelb der Kappe ist jenes beinahe unverschämte Gelb des Trainingsanzugs aus Game of Death. Dazu kommt tiefes Schwarz. Das könnte leicht in Richtung Devotionalie kippen: Bruce-Lee-Tasse, Bruce-Lee-T-Shirt, Bruce-Lee-Füller. Montblanc entgeht dieser Gefahr erstaunlich knapp – und gerade deshalb überzeugend.

Der Füllfederhalter ist kein zurückhaltendes Schreibgerät. Wer damit bei einer Vorstandssitzung unbemerkt bleiben möchte, sollte besser einen schwarzen Meisterstück 146 nehmen. Die Bruce-Lee-Edition betritt den Raum etwa so diskret wie ihr Namensgeber eine Filmszene.

Aber sie ist sorgfältiger gemacht, als der erste Farbkontrast vermuten lässt. Der schwarze Korpus aus Edelharz trägt einen Drachen, der auf eine Zeichnung Bruce Lees zurückgeht. Der Clip ist strukturiert und nimmt die Form eines Nunchaku-Stabes auf, ohne tatsächlich wie ein winziges Kampfgerät am Sakko zu baumeln. Der Kappenring erinnert an Bambus. Selbst der Konus wird erzählerisch genutzt: Seine Proportionen spielen auf Lees berühmten One-Inch-Punch an, jene Bewegung, bei der aus kaum sichtbarer Distanz erstaunlich viel Wirkung entstand.

Das alles ist viel Symbolik für ungefähr vierzehn Zentimeter Schreibgerät. Bei weniger sorgfältiger Gestaltung wäre das unerträglich. Hier ergibt es ein dichtes Objekt, an dem man erst beim zweiten Hinsehen entdeckt, wie viel Biographie darin untergebracht wurde.

Besonders schön ist die Feder. Sie besteht beim Füllfederhalter aus massivem 585er Gold, ist rutheniumbeschichtet und trägt Yin und Yang. Auch das wäre als bloßes China-Symbol ein wenig billig. Bei Bruce Lee trifft es dagegen den Kern seines Denkens ziemlich genau: Härte und Nachgeben, Geschwindigkeit und Ruhe, Angriff und Reaktion.

Und dann sind da natürlich die Preise. 1.500 Euro kostet der Füllfederhalter derzeit bei Montblanc, 1.200 Euro der Rollerball und 1.090 Euro der Kugelschreiber. Niemand braucht einen Kugelschreiber für 1.090 Euro, um eine Telefonnummer aufzuschreiben. Man braucht übrigens auch keinen mechanischen Chronographen, um zu wissen, dass es Viertel nach drei ist. Luxus beginnt traditionell dort, wo das Argument der Notwendigkeit endet.

Gerade der Füllfederhalter ist deshalb für diese Hommage die überzeugendste Variante. Bruce Lee war eben nicht nur Gegenstand von Bildern. Er las, notierte, kommentierte und entwickelte Gedanken auf Papier. Die Feder ist damit kein nachträglich angeklebtes Luxusaccessoire, sondern besitzt eine biographische Berechtigung.

Vielleicht ist das überhaupt das Überraschende an dieser Edition: Man beginnt beim gelben Trainingsanzug und landet bei der Bibliothek.

Das ist ein ziemlich weiter Weg für einen Füllfederhalter.

Bruce Lee hätte ihn vermutlich gemocht.