Das Holz, das zu begehrt war
Wer einem Geiger beim Stimmen zusieht, achtet gewöhnlich auf das Instrument. Dabei hält er in der anderen Hand einen Gegenstand, ohne den selbst eine Stradivari ziemlich still bliebe: den Bogen. Seit dem späten 18. Jahrhundert gehört Pernambuk zu den bevorzugten Hölzern großer Bogenmacher. Hart und dicht, zugleich aber elastisch, überträgt es feinste Bewegungen auf die Saite. Noch bevor es Europas Konzertsäle zum Klingen brachte, hatte das Holz bereits eine andere Karriere hinter sich: Aus pau-brasil gewann man einen begehrten roten Farbstoff, und so trägt Brasilien bis heute den Namen eines Materials, das schon einmal zu begehrt war.
Genau dieses Holz verwendet Graf von Faber-Castell für die Classic Magnum Anniversary Edition zum 265-jährigen Jubiläum. Daneben kommt der Classic in Thujawurzelholz. Hier liegt die Faszination nicht in einer großen Kulturgeschichte, sondern in der Maserung selbst: dichte Wirbel, Augen und Richtungswechsel, die jeden Schaft leicht anders aussehen lassen. Bemerkenswert ist, dass Graf von Faber-Castell daraus nicht nur ein einzelnes Modell, sondern eine ganze Viererfamilie formt. Füllfederhalter, Tintenroller, Drehkugelschreiber und Drehbleistift zeigen, wie unterschiedlich sich ein und dasselbe Holz schreiben lässt.
1 · Der Füllfederhalter – das Herzstück der neuen Thuja-Reihe
Beim Füllfederhalter kommt die neue Materialidee am vollständigsten zusammen. Der fein kannelierte Schaft aus Thujawurzelholz sitzt zwischen platinierten Metallteilen und dem massiven gefederten Clip; vorne arbeitet eine von Hand gefertigte zweifarbige 18-Karat-Goldfeder mit Iridiumspitze. Gerade neben der unruhigen, organischen Maserung wirkt diese technische Präzision besonders reizvoll.
Graf von Faber-Castell bietet ungewöhnlich viel Auswahl bei der Feder: EF, F, M und B sowie OM und OB. Befüllt wird der Füller über Patronen oder Konverter; ein Konverter gehört zum Lieferumfang. Damit ist er kein bloßes Schaustück, sondern ein Schreibgerät, das sich sehr gut an unterschiedliche Handschriften anpassen lässt. Verpackt wird er in einer Holz-Geschenkbox.
2 · Der Tintenroller – flüssiges Schreiben ohne Goldfeder
Optisch steht der Tintenroller dem Füllfederhalter sehr nahe, im Alltag ist er die unkompliziertere Variante. Seine Präzisionsspitze soll besonders leicht über das Papier gleiten; die schwarze Tinte trocknet schnell. Damit bewahrt er einen Teil des flüssigen Schreibgefühls eines Füllers, ohne dass man sich mit Federbreiten oder Konverter beschäftigen muss.
Interessant ist das Gewicht: Mit 39 Gramm ist er etwas schwerer als der Füllfederhalter. Die Proportionen bleiben identisch – 137 Millimeter Länge und 13 Millimeter Durchmesser. Holzschaft, platinierte Metallteile und der massive gefederte Clip machen ihn zu einem der ruhigsten und souveränsten Modelle der Familie.
3 · Der Drehkugelschreiber – schlank, präzise, alltagstauglich
Beim Drehkugelschreiber verändert sich der Charakter der Reihe deutlich. Mit nur neun Millimetern Durchmesser und 30 Gramm Gewicht wirkt er schlanker und technischer als Füller und Roller. Gerade dadurch tritt die vertikale Kannelierung des Holzes besonders klar hervor – fast wie eine feine architektonische Struktur.
Im Inneren arbeitet eine schwarze Großraummine im Standardformat, Strichbreite B. Die Tinte ist dokumentenecht. Genau diese nüchterne Zuverlässigkeit macht den Reiz aus: drehen, schreiben, weglegen – ohne auf die Eleganz des Holzes verzichten zu müssen. Von allen vier Modellen ist dies vermutlich der souveränste Alltagsbegleiter.
4 · Der Drehbleistift – das technischste Mitglied der Familie
Der Drehbleistift ist innerhalb der Vierergruppe das technischste Schreibgerät. Er verwendet bruchstabile 0,7-Millimeter-Minen im Härtegrad B und besitzt ein eigenes Reservoir für Ersatzminen. Unter der abziehbaren Abschlusskappe sitzt außerdem ein auswechselbarer weißer Radiergummi – ein schönes kleines Detail, das zeigt, dass dieses Modell wirklich benutzt werden will.
Mit 140 Millimetern ist er das längste und mit 40 Gramm zugleich das schwerste der vier Thuja-Modelle. Trotzdem bleibt die Silhouette mit neun Millimetern Durchmesser angenehm schlank. Gerade für Skizzen, Randnotizen und Entwürfe ist er vielleicht das interessanteste Werkzeug der Reihe – und das Modell, bei dem die Verbindung von Naturmaterial und Mechanik am deutlichsten sichtbar wird.
5 · Jubiläum und Detail – Pernambuk im Magnum-Format
Während die vier Thuja-Modelle eine neue Materialvariante der Classic-Familie bilden, steht die Classic Magnum Anniversary Edition für sich. Ihr fein kannelierter Pernambukschaft wird durch platinierte Metallteile, eine Jubiläumsgravur am Clipring und eine individuell eingravierte Seriennummer am Schaftende ergänzt. Die handgefertigte zweifarbige 18-Karat-Goldfeder ist größer als bei der normalen Classic-Linie und verleiht dem Modell sichtbar mehr Gravität.
Auch hier wird über Patronen oder Konverter geschrieben; die Federbreiten reichen von EF bis B. Entscheidend ist aber weniger die technische Seite als die symbolische: Ein 265 Jahre altes Unternehmen wählt für sein Jubiläum ein Holz, das selbst eine weit längere Geschichte trägt – vom roten Farbstoff über den Geigenbogen bis zum Schreibgerät. Genau das macht diese Edition so erzählenswert.
6 · Die Vierergruppe als Ensemble
Erst im Ensemble wird deutlich, wie klug die Reihe angelegt ist. Obwohl alle vier Modelle dasselbe Material, dieselbe Kannelierung und denselben Kontrast aus warmem Holz und kühlem Metall teilen, besitzt jedes einen eigenen Charakter. Der Füllfederhalter ist der klassische Solist, der Tintenroller die flüssige Komfortlösung, der Kugelschreiber die elegante Alltagsversion und der Drehbleistift das technische Werkzeug.
Genau deshalb funktioniert das Thujawurzelholz hier nicht bloß als Dekor. Es stiftet Identität. Die Materialwahl hält die Reihe zusammen und erlaubt gleichzeitig Differenz. Für ein Haus wie Graf von Faber-Castell, das seit jeher stark über Material und Oberfläche erzählt, ist das vermutlich die intelligenteste Form einer Herbstneuheit.
Das eine Holz erzählt, was Menschen seit Jahrhunderten mit ihm gemacht haben. Das andere zeigt, was ein Baum selbst gemacht hat.