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ellenwoods · Neuheiten Herbst 2026 · Pelikan & Otto Hutt

Pelikan, Otto Hutt und die Kunst, einen guten Füllhalter nicht neu erfinden zu müssen

Neuheiten Herbst 2026 – ein persönlicher Blick von ellenwoods

Wenn man sich seit vielen Jahren mit Schreibgeräten beschäftigt, entwickelt man gegenüber dem Wort „Neuheit“ eine gewisse Vorsicht. Nicht alles, was im September eine andere Farbe trägt als im März, ist deshalb schon neu. Und manches Schreibgerät, das technisch seit Jahrzehnten nahezu unverändert gebaut wird, kann einem trotzdem plötzlich wieder sehr gegenwärtig erscheinen. Vielleicht ist das sogar eine der angenehmeren Eigenschaften unserer Branche: Ein guter Füllhalter muss nicht jedes Jahr neu erfunden werden.

Bei ellenwoods sehen wir die Neuheiten deshalb weniger mit den Augen eines Katalogredakteurs als mit denen eines Händlers, der die Stücke irgendwann auf dem Tisch liegen hat, sie in die Hand nimmt, die Kappe abschraubt, über eine Oberfläche streicht und sich eine sehr einfache Frage stellt: Möchte ich damit schreiben?

In diesem Herbst liefern Pelikan und Otto Hutt darauf einige interessante Antworten.

Pelikan und ein Stein, der eigentlich keiner sein möchte

Beginnen wir mit der jüngsten Pelikan-Neuheit. Der Classic 200 Pyrite ist im September erschienen und gehört zu jenen Füllhaltern, die auf Fotografien beinahe etwas lauter wirken als in der Hand. Das transparente Material enthält goldene Schimmerpartikel, irgendwo zwischen warmem Gold und metallischem Grau. Pelikan hat die Farbe aus der Edelstein Ink of the Year 2026 entwickelt und bietet Füllhalter und Tinte auch gemeinsam als Set an.

Pyrit ist als Mineral ein merkwürdiger Geselle. Wegen seines metallischen Glanzes wurde es früher gern mit Gold verwechselt, daher der wenig schmeichelhafte Beiname Katzengold. Vielleicht gefällt mir der Füllhalter gerade deshalb. Er versucht gar nicht, Gold zu sein. Das Licht wandert durch das Material, die Partikel verändern sich je nach Blickwinkel, und darunter steckt ein ganz klassischer Pelikan 200: Kolbenfüllmechanik, vergoldete Edelstahlfeder, kein technisches Theater.

Das ist eine Form von Luxus, die mir grundsätzlich sympathisch ist. Man nimmt etwas Bewährtes und verändert genau so viel, dass man wieder hinschaut.

Ein Füllhalter trifft ein Plakat von 1899

Persönlich interessanter finde ich allerdings die dritte Pelikan Art Collection. Sie ist Georg Tippel gewidmet und basiert auf seinem Plakat „Grundfarben“ von 1899.

Das muss man sich kurz vor Augen führen. Damals war Werbung noch nicht das Ergebnis einer Datenanalyse darüber, an welcher Stelle eines Bildes unser Auge vermutlich 0,7 Sekunden länger verweilt. Unternehmen begannen gerade erst zu verstehen, dass ein Plakat nicht nur informieren, sondern eine Marke prägen konnte. Pelikan veranstaltete 1898/99 einen internationalen Plakatwettbewerb; Tippels Arbeit gehört zu diesem frühen Kapitel moderner Werbegrafik.

Für den neuen Souverän M600 wurde nicht einfach das alte Plakat klein auf einen Füllhalter gedruckt. Man hat ein Detail herausgenommen: die bewegten Wolkenformationen des Originals. Sie laufen nun abstrahiert über den Schaft. Dazu kommen der klassische Kolbenmechanismus, eine zweifarbige 14-Karat-Goldfeder und vergoldete Beschläge.

Solche Editionen mag ich, weil sie einen Grund haben zu existieren.

Pelikan besitzt ein enormes grafisches Archiv. Über Jahrzehnte haben Künstler, Illustratoren und Gestalter für die Marke gearbeitet. Dieses Archiv wieder hervorzuholen und daraus Schreibgeräte zu entwickeln, ist klüger, als alle sechs Monate eine Trendfarbe auszurufen. Man kauft in diesem Fall nicht nur einen M600. Man kauft ein kleines Stück Designgeschichte, das zufällig auch sehr gut schreibt.

Dann wird es japanisch

Dass Pelikan seit vielen Jahren eine bemerkenswerte Verbindung zur japanischen Lackkunst pflegt, gehört für Sammler längst zur Geschichte der Marke. 2026 sind daraus zwei besonders aufwendige Stücke entstanden.

Der M1000 Raden Stardust trägt seinen Namen „Hoshikuzu“ nicht ganz zu Unrecht. Auf tiefschwarzem Urushi-Lack werden fein zerkleinerte Stücke von Abalone-Muscheln von Hand angeordnet. Im Licht erscheinen daraus Violett, Blau, Grün und Silber. Das Interessante an Raden lässt sich auf Bildern nur begrenzt wiedergeben. Eine Fotografie hält einen Augenblick fest; die Oberfläche selbst verändert sich aber ständig mit dem Licht.

Noch erzählerischer ist der Maki-e Four Seasons Lucky Charm. Hier werden die vier Farben eines Kartenspiels zu Jahreszeiten: Kreuz wird Frühling, Karo Sommer, Herz Herbst und Pik Winter. Kirschblüten, Wasser, Herbstlaub und Schnee führen diese Idee weiter. Gefertigt wird der Füllhalter in aufwendiger Kaga-Togidashi-Takamaki-e-Technik mit Urushi-Lack und Metallpulvern. Weltweit gibt es lediglich 123 Exemplare.

Man kann über solche limitierten Editionen selbstverständlich diskutieren. Niemand benötigt einen Füllhalter, dessen Lackierung von einem japanischen Meister in zahllosen Arbeitsgängen aufgebaut und poliert wurde. Aber „benötigen“ ist ohnehin eine ziemlich ungeeignete Kategorie, sobald wir über schöne Dinge sprechen. Auch einen alten Porsche, einen guten Bordeaux oder eine mechanische Uhr braucht streng genommen niemand.

Entscheidend ist etwas anderes: Erkennt man noch die Hand, die etwas gemacht hat?

Bei diesen Pelikan-Editionen lautet die Antwort eindeutig ja.

Otto Hutt macht das Gegenteil

Und dann liegt daneben ein Otto Hutt.

Keine Kirschblüten, keine Sterne, kein Plakat von 1899. Stattdessen ein Metallkörper, eine Guillochierung, ein sauber gearbeiteter Clip und eine Form, die nicht versucht, einem schon aus drei Metern Entfernung ihre Geschichte zu erzählen.

Das ist gerade der Reiz.

Otto Hutt war schon immer die etwas leisere deutsche Schreibgerätemarke. Die Modelle heißen design01, design04 oder design06. Schon die Namen sind so nüchtern, dass wahrscheinlich kein Marketingseminar der Welt sie heute noch genehmigen würde. Ich hoffe sehr, dass man sie deshalb niemals ändert.

Zu den aktuellen Neuheiten gehört der design04 in Apricot. Unter der Farbe steckt ein Messingkorpus, dessen Schafthülse zunächst mit einem Karomuster guillochiert wird. Danach folgen mehrere Lackschichten und schließlich ein matter Abschluss; die Kappe ist platinbeschichtet.

Apricot klingt zunächst nach Modefarbe. In der Hand geschieht aber etwas Interessanteres: Farbe und technische Oberfläche treten gegeneinander an. Die Guillochierung verhindert, dass das Apricot gefällig wird. Das Schreibgerät behält diese für Otto Hutt typische Präzision.

Daneben steht der design04 Olive. Er ist glatter, dunkler und zurückhaltender. Hier wird der Messingkörper mehrfach mit Farb- und Polierlack versehen, anschließend geschliffen und von Hand poliert. Das Ergebnis ist weniger dekorativ als das Apricot und vielleicht gerade deshalb eines dieser Schreibgeräte, bei denen man nach einigen Minuten merkt, wie angenehm selbstverständlich sie wirken.

Schließlich gibt es den design01 in Rot mit mattem Ruthenium. Rot und Ruthenium könnten eine ziemlich anstrengende Kombination ergeben. Bei Otto Hutt geschieht das Gegenteil. Die dunklen Metallteile nehmen dem Rot die Lautstärke. Es bleibt ein moderner, fast technischer Füllhalter.

Über Oberflächen

Was mir an diesen Neuheiten auffällt, ist, dass sich bei guten Schreibgeräten derzeit sehr viel an der Oberfläche entscheidet.

Das klingt zunächst oberflächlich, ist es aber nicht.

Ein Schreibgerät gehört zu den wenigen Gegenständen, die wir ständig berühren. Wir betrachten einen Füllhalter nicht nur. Wir nehmen ihn auf, drehen ihn, öffnen ihn, setzen die Feder an, legen ihn wieder weg. Material ist deshalb keine Dekoration. Es ist ein Teil seiner Funktion.

Pelikan arbeitet 2026 mit transparentem Harz und Schimmerpartikeln, mit historischen Bildern, Urushi und Perlmutt. Otto Hutt mit Messing, Guillochierung, Mattlack, Polierlack, Platin und Ruthenium. Zwei vollkommen unterschiedliche Vorstellungen davon, wie ein Schreibgerät Persönlichkeit bekommt.

Und beide funktionieren.

Muss man das haben?

Das ist im Fachgeschäft eine Frage, die gelegentlich gestellt wird. Meine Antwort darauf ist meistens wenig verkaufsfördernd: Nein.

Wer bereits einen guten Pelikan Souverän besitzt, braucht keinen zweiten. Wer mit seinem Otto Hutt seit zehn Jahren schreibt, muss ihn nicht ersetzen, weil irgendwo eine neue Farbe erschienen ist.

Aber darum geht es vielleicht auch gar nicht.

Ein gutes Schreibgerät befindet sich heute in einer merkwürdigen Lage. Für die reine Übermittlung von Information ist es hoffnungslos ineffizient geworden. Eine Nachricht tippt man schneller, ein Termin landet im Smartphone, und selbst Einkaufszettel werden zunehmend diktiert. Der Füllhalter hat seine frühere Notwendigkeit verloren.

Und genau dadurch hat er etwas anderes gewonnen.

Wer heute mit einem guten Füllhalter schreibt, entscheidet sich bewusst dafür. Für Papier. Für eine bestimmte Feder. Für Tinte. Für die paar Sekunden, in denen ein Gedanke nicht sofort verschickt, geteilt oder korrigiert wird.

Vielleicht interessieren mich deshalb Neuheiten wie der Pelikan Georg Tippel oder ein guillochierter Otto Hutt mehr als irgendein vermeintlich revolutionäres Schreibsystem. Sie versuchen gar nicht, digitaler, schneller oder intelligenter zu werden.

Sie versuchen nur, sehr gute Schreibgeräte zu sein.

Das ist 2026 möglicherweise schon Innovation genug.

ellenwoods Schreibkultur aus München