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Historische Dokumente

Den Blutsaugern auf der Spur

Wie Zeitungsberichte, medizinische Untersuchungen und ein Erlass Maria Theresias den europäischen Vampirglauben veränderten – und weshalb Gerard van Swieten als mögliches historisches Vorbild Professor Van Helsings gilt.

Es gehört zu den eigentümlichen Widersprüchen der europäischen Aufklärung, dass ausgerechnet jene Epoche, die Vernunft und wissenschaftliche Beobachtung zum Maßstab erklärte, zugleich die größte Vampirdebatte ihrer Geschichte erlebte. In den Grenzgebieten der Habsburgermonarchie wurden Gräber geöffnet, Leichen untersucht und vermeintliche Wiedergänger gepfählt – häufig unter Aufsicht staatlicher Beamter.

Als die Berichte schließlich den Wiener Hof erreichten, entsandte Maria Theresia ihren Leibarzt Gerard van Swieten. Der niederländische Mediziner sollte keine Vampire jagen. Er sollte erklären, warum vernünftige Menschen an sie glaubten.

Die Berliner Zeitung gehörte zu den ersten deutschsprachigen Blättern, die ausführlich über die Vampirfälle im Habsburgerreich berichteten. Millionen Leser gab es damals noch nicht – aber die Nachricht verbreitete sich in ganz Europa.

Für die Menschen des 18. Jahrhunderts waren die beschriebenen Leichenbefunde kein medizinisches Phänomen, sondern der scheinbare Beweis dafür, dass Tote nachts ihre Gräber verließen.

Als aus einem Gerücht eine europäische Nachricht wurde

Zeitungen machten aus örtlichen Berichten ein gesamteuropäisches Ereignis. Beobachtungen, die zuvor nur in Dörfern und Verwaltungsakten kursierten, erreichten nun Gelehrte, Ärzte, Theologen und Regierungen. Der Vampir wurde dadurch vom Gegenstand des Volksglaubens zu einem öffentlichen Problem.

Besonders wirkungsvoll waren Berichte über kaum verweste Körper, rötliche Flüssigkeit an Mund und Nase sowie vermeintlich weitergewachsene Haare und Nägel. Die Beobachtungen waren nicht immer erfunden. Falsch war jedoch der Schluss, den man aus ihnen zog.

Gerard van Swieten beschreibt in seiner Abhandlung die Untersuchungen, die er im Auftrag Maria Theresias durchgeführt hatte. Sein Urteil fällt eindeutig aus: Der Vampirglaube beruhe auf Furcht, Aberglauben und mangelnder Kenntnis natürlicher Vorgänge.

Er erklärt, weshalb Leichen im Winter langsamer verwesen, warum Körper durch Fäulnisgase anschwellen und weshalb dunkle Flüssigkeiten aus Mund und Nase austreten können.

Was van Swieten erklärte

Kälte und Jahreszeit Im Winter verläuft die Verwesung deutlich langsamer.
Luftmangel im Sarg Dicht verschlossene Särge können den Zerfall verzögern.
Fäulnisgase Sie lassen den Körper anschwellen und scheinbar lebendig wirken.
Körperflüssigkeiten Blut- und Gewebeflüssigkeiten können aus Mund und Nase austreten.
Haare und Nägel Die Haut schrumpft; Haare und Nägel erscheinen dadurch länger.
Medizin statt Mythos Die Beobachtungen waren real, ihre übernatürliche Deutung war falsch.

Auf Grundlage der Untersuchungen Gerard van Swietens ordnete Maria Theresia an, dass angebliche Fälle von Vampirismus künftig durch weltliche Behörden und sachkundige Ärzte untersucht werden sollten.

Exhumierungen, Pfählungen und Verbrennungen durften nicht länger aufgrund bloßen Volksglaubens erfolgen. Nicht der Aberglaube sollte entscheiden, sondern die Prüfung durch Medizin und Verwaltung.

Ein Sieg der Aufklärung

Der Erlass war weniger ein Gesetz gegen den Glauben als eine Vorschrift über Zuständigkeit. Dorfgemeinschaften, Geistliche und selbsternannte Sachverständige sollten nicht länger eigenmächtig über die Toten richten. Der Staat beanspruchte die Kontrolle über Bestattungen, Gesundheit und öffentliche Ordnung.

Der Vampirglaube verschwand dadurch nicht aus den Erzählungen der Menschen. Er verlor jedoch seine amtliche Legitimation. Der Vampir zog sich aus der Verwaltung zurück – und fand einen neuen Aufenthaltsort in der Literatur.

Fast 140 Jahre später schuf Bram Stoker mit Professor Abraham Van Helsing den berühmtesten Vampirjäger der Weltliteratur. Einen direkten Beleg dafür, dass Gerard van Swieten das historische Vorbild war, gibt es nicht.

Die Parallelen sind dennoch auffällig. Beide sind Ärzte, untersuchen Beweise, handeln rational und widerstehen der allgemeinen Hysterie. Van Helsing akzeptiert das Übernatürliche erst, nachdem die bekannten wissenschaftlichen Erklärungen versagt haben.

Historische Quellen zur Vampirhysterie des 18. Jahrhunderts

Berlinische privilegirte Zeitung (1755)
Zeitgenössische Berichte über Exhumierungen und angebliche Vampirfälle im Habsburgerreich.
Gerard van Swieten (1755/1768)
Abhandlung des Daseyns der Gespenster samt Anhang vom Vampyrismus – das Gutachten, das Maria Theresia zur Bekämpfung des Vampiraberglaubens veranlasste.
Maria Theresia – Hofdekret vom 1. März 1755
Der sogenannte Vampirerlass beendete die staatliche Anerkennung von Vampirverfahren und schrieb medizinische Untersuchungen vor.
Dom Augustin Calmet (1746/1751)
Seine Abhandlung über Erscheinungen und Vampire sammelte Berichte aus Osteuropa und machte den Vampirglauben in Westeuropa bekannt.
Johann Christoph Harenberg (1733–1750)
Zeitgenössische Chroniken und Sammelwerke dokumentieren die sogenannten „Vampirepidemien“ im habsburgischen Grenzgebiet.
Bram Stoker (1897)
Literaturhistoriker sehen in Gerard van Swieten ein mögliches historisches Vorbild für Professor Abraham Van Helsing. Ein ausdrücklicher Beleg in Stokers Arbeitsnotizen fehlt jedoch.

Der Arzt der Aufklärung

Van Helsing ist kein mittelalterlicher Hexenjäger. Er ist ein Arzt, der Beobachtungen ernst nimmt, Beweise sammelt und sich der bequemsten Erklärung widersetzt. Gerade darin liegt seine Nähe zu Gerard van Swieten.

Der historische Arzt wollte zeigen, dass es keine Vampire gab. Die literarische Figur muss erkennen, dass es einen gibt. Gemeinsam ist beiden jedoch die Methode: Sie beobachten, vergleichen, prüfen Spuren und handeln erst, wenn aus einzelnen Befunden ein belastbares Bild entstanden ist.