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Bram Stokers ursprünglicher Dracula

Wie sich Bram Stoker seinen Grafen wirklich vorstellte

Der Dracula des Romans sieht deutlich anders aus als der elegante Vampir, den Bühne, Kino und Popkultur später aus ihm machten.

Das Überraschende ist: Bram Stokers Dracula sieht im Roman ganz anders aus als die Figur, die wir aus Film und Popkultur kennen. Der elegante Aristokrat im schwarzen Umhang mit glatt zurückgekämmtem Haar ist eine Erfindung späterer Bühnen- und Filmfassungen. Vor allem die Darstellung durch Bela Lugosi prägte dieses Bild.

Im ersten Kapitel beschreibt Jonathan Harker den Grafen, als er ihn im Schloss in Transsilvanien trifft. Es handelt sich um einen älteren Mann mit einer eigentümlichen, beinahe unheimlichen Erscheinung.

Schon der erste Händedruck irritiert Harker. Die Kraft des Grafen ist außergewöhnlich, doch seine Hand fühlt sich kalt an – beinahe wie die eines Toten.

Das Gesicht des Grafen

Stoker beschreibt ein langes und schmales Gesicht, eine außergewöhnlich blasse Haut und eine hohe, stark gewölbte Stirn. Das schwarze Haar ist lediglich an den Schläfen leicht ergraut. Besonders auffällig ist der dichte und lange Schnurrbart. Einen Vollbart trägt Dracula nicht.

Seine Nase ist schmal und markant gebogen, beinahe wie der Schnabel eines Adlers. Die buschigen Augenbrauen treffen sich fast über der Nasenwurzel. Dazu kommen rote Lippen und auffallend weiße, scharfe Zähne, deren Eckzähne etwas länger als gewöhnlich sind.

Auch die Ohren des Grafen sind ungewöhnlich geformt und laufen spitz zu. Die Handflächen sind behaart, die Finger lang und dünn. Seine Nägel erscheinen Harker auffallend lang und scharf.

Dracula ist alt, besitzt jedoch eine körperliche Kraft, die nicht zu seinem Alter zu passen scheint. Diese Verbindung von Alter, Leblosigkeit und beinahe tierischer Stärke macht ihn schon bei seiner ersten Begegnung verstörend.

Gesicht lang, schmal und ungewöhnlich blass
Stirn hoch und deutlich gewölbt
Haar schwarz, nur an den Schläfen leicht ergraut
Bart dichter Schnurrbart, aber kein Vollbart
Nase markant und adlerartig gebogen
Augenbrauen buschig und fast über der Nase zusammengewachsen
Mund rote Lippen und ungewöhnlich weiße Zähne
Ohren auffallend spitz zulaufend
Hände kalt, behaart, langfingrig und außergewöhnlich kräftig

Schlicht in Schwarz

Auch seine Kleidung wirkt überraschend schlicht. Harker begegnet dem Grafen zunächst vollständig in Schwarz gekleidet, jedoch ohne jede königliche Pracht. Von einem roten Innenfutter, einem wallenden Opernumhang oder einer fledermausartigen Silhouette ist zunächst keine Rede.

Stokers Dracula ist zwar ein Adliger, doch seine Erscheinung vermittelt weniger gesellschaftliche Eleganz als vielmehr körperliche Fremdartigkeit. Er wirkt wie ein Wesen, das die Form eines Menschen angenommen hat, ohne ganz menschlich zu sein.

Während des Romans verändert sich Dracula auch äußerlich. Je mehr Blut er trinkt, desto jünger und vitaler erscheint er. Das Gesicht wird voller, die Haut straffer und die weißen Haare verschwinden teilweise.

Stoker verbindet Vampirismus damit unmittelbar mit einer körperlichen Verjüngung. Blut ist für Dracula nicht lediglich Nahrung. Es stellt verlorene Lebenskraft, Jugend und körperliche Macht wieder her.

Was nicht im Roman steht

Besonders aufschlussreich ist, was Stoker seinem Grafen nicht zuschreibt. Viele Merkmale, die heute untrennbar mit Dracula verbunden erscheinen, fehlen in der literarischen Vorlage.

Kein schwarzer Opernumhang
Kein steifer, hochgestellter Kragen
Keine ausgeprägte Witwenspitze
Keine dauerhaft leuchtenden roten Augen
Keine ständig sichtbaren Fangzähne
Kein mondäner Hollywood-Charme

Die heute vertrauten Merkmale entstanden erst Jahrzehnte nach dem Erscheinen des Romans. Die Bühnenfassung von Hamilton Deane aus dem Jahr 1924 und ihre Bearbeitung durch John L. Balderston von 1927 verwandelten Dracula in einen eleganten Gentleman im Abendanzug.

Die Verfilmung mit Bela Lugosi aus dem Jahr 1931 prägte schließlich das Bild des kultivierten Vampirs mit Umhang, zurückgekämmtem Haar und aristokratischer Selbstbeherrschung, das bis heute nachwirkt.

Weniger romantisch, deutlich unheimlicher

Stokers Dracula wirkt eher wie eine Mischung aus einem alternden osteuropäischen Adligen, einem Raubtier, einem Wissenschaftler des Bösen und einem wandelnden Leichnam.

Gerade diese Verbindung von höfischer Würde und körperlicher Fremdartigkeit macht die Figur im Roman so verstörend. Sie ist weniger romantisch als die späteren Filmgestalten. Dracula ist zugleich Mensch, Tier und etwas Unbegreifliches – und damit deutlich näher am Horror des viktorianischen Romans als an den späteren Ikonen des Kinos.