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Bram Stoker – Der Autor hinter dem Vampir

Warum Bram Stoker weit mehr war als der Schöpfer Draculas

Als Bram Stoker am 20. April 1912 in London starb, widmeten ihm die Zeitungen respektvolle, aber keineswegs überschwängliche Nachrufe. Gewürdigt wurde vor allem der Mann, der fast drei Jahrzehnte lang die Geschäfte des Lyceum Theatre geführt hatte und als engster Mitarbeiter des Schauspielers Sir Henry Irving zu den einflussreichsten Theatermanagern des viktorianischen England gehörte. Seine Tätigkeit als Romancier erschien dagegen eher als Ergänzung einer bemerkenswerten Laufbahn. Dracula, fünfzehn Jahre zuvor veröffentlicht, wurde erwähnt, doch niemand behandelte den Roman als literarisches Ereignis von außergewöhnlichem Rang. Die Literaturgeschichte hatte ihr Urteil noch nicht gefällt.

Dieser Umstand verdient Aufmerksamkeit. Denn kaum ein anderer Schriftsteller ist später so vollständig auf ein einziges Werk reduziert worden wie Bram Stoker. Wer heute seinen Namen hört, denkt nicht an einen Autor, sondern an eine Figur. Dracula ist längst aus dem Roman herausgetreten. Er lebt auf Theaterbühnen, in Filmen, Opern, Comics und Computerspielen weiter und gehört zu jenen wenigen literarischen Gestalten, die auch Menschen kennen, welche das Buch niemals gelesen haben. Der Vampir hat seinen Schöpfer nicht nur überlebt, sondern nahezu aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt.

Dabei war Stoker weder ein Sonderling noch ein Schriftsteller, der zufällig einen Glückstreffer landete. Sein erstes Buch erschien bereits 1875. Es folgten Romane, Erzählungen, journalistische Arbeiten und Theaterkritiken. Als Dracula veröffentlicht wurde, verfügte er über mehr als zwanzig Jahre schriftstellerischer Erfahrung. Er schrieb regelmäßig, mit großer Disziplin und bemerkenswerter Ausdauer. Seine erhaltenen Arbeitsnotizen zeigen keinen Autor, der auf Eingebungen wartete. Sie zeigen einen Mann, der plante, recherchierte, verwarf und neu begann.

Gerade darin unterscheidet sich Bram Stoker von jenem Bild, das sich die Nachwelt von ihm gemacht hat.

Wer seine Romane der Reihe nach liest, erkennt rasch, dass Dracula keineswegs isoliert dasteht. Schon The Snake’s Pass führt nach Irland und verbindet Landschaft, Geschichte und Volksüberlieferung zu einer Erzählung, deren eigentliches Thema nicht das Abenteuer, sondern die Beharrungskraft alter Mythen ist. The Mystery of the Sea verknüpft historische Recherche mit politischen Konflikten und übersinnlichen Erfahrungen, während The Jewel of Seven Stars die Ägyptenbegeisterung der Jahrhundertwende aufgreift und daraus eine Reflexion über Wissenschaft, Archäologie und die Grenzen menschlicher Erkenntnis entwickelt. Selbst The Lair of the White Worm, häufig als exzentrische Spätarbeit abgetan, folgt demselben gedanklichen Muster. Immer stößt die moderne Welt auf etwas, das älter ist als ihre Vernunft.

Hier liegt der eigentliche Schlüssel zu Stokers Werk. Er interessierte sich nie in erster Linie für Monster. Er interessierte sich für die Fragilität menschlicher Gewissheiten.

 

Das viktorianische Zeitalter war überzeugt, mit Eisenbahn, Telegraphie, Medizin und Naturwissenschaft den entscheidenden Schritt in die Moderne getan zu haben. Stoker teilte diese Faszination. Seine Romane sind voller Ärzte, Juristen, Wissenschaftler und Verwaltungsbeamter. Gerade deshalb entfaltet das Übernatürliche seine Wirkung. Es bricht nicht in eine mittelalterliche Welt ein, sondern in eine Gesellschaft, die fest daran glaubt, alles erklären zu können.

Wer Dracula ausschließlich als Horrorroman liest, unterschätzt deshalb seinen literarischen Ehrgeiz. Der Vampir ist nicht das Thema des Romans. Er ist das Instrument, mit dem Stoker die Grenzen eines Fortschrittsglaubens sichtbar macht, der jede Wirklichkeit auf Rationalität reduzieren möchte. Bluttransfusionen, Schreibmaschinen, Phonographen, Telegramme und Eisenbahnfahrpläne nehmen im Roman ebenso viel Raum ein wie Kreuze, Hostien und alte Legenden. Erst aus dieser Gegenüberstellung gewinnt die Geschichte ihre eigentliche Spannung.

Dass der Roman 1897 dennoch keinen außergewöhnlichen Erfolg erzielte, erscheint aus heutiger Sicht fast erstaunlich. Die zeitgenössischen Kritiken fielen überwiegend respektvoll aus. Gelobt wurden die dichte Atmosphäre, die ungewöhnliche Konstruktion aus Tagebüchern, Briefen und Zeitungsberichten sowie die erzählerische Disziplin des Autors. Zugleich bemängelten mehrere Rezensenten die Länge des Romans und seinen Hang zum Sensationellen. Niemand sprach von einem Meisterwerk. Niemand ahnte, dass Dracula wenige Jahrzehnte später zu den bekanntesten Figuren der Weltliteratur gehören würde.

Der eigentliche Triumph begann erst nach Stokers Tod.

Zunächst auf der Bühne. Hamilton Deane verwandelte den wilden Grafen des Romans in einen eleganten Aristokraten. Der schwarze Umhang, der Frack und die kultivierte Erscheinung dienten zunächst ganz praktischen Zwecken. Auf einer Theaterbühne ließ sich ein Gentleman überzeugender darstellen als ein halb verwildertes Wesen mit Schnurrbart und behaarten Händen, wie Stoker es beschrieben hatte. Bela Lugosi übernahm diese Interpretation für den Broadway und später für den Film. Hollywood wiederum machte aus ihr das Bild, das bis heute unsere Vorstellung von Dracula bestimmt.

Der berühmteste Vampir der Welt verdankt sein Aussehen also weniger seinem Autor als dem Theater. Auch das gehört zu den Ironien der Literaturgeschichte.

Bram Stoker hat diesen Erfolg nicht mehr erlebt. Als Universal Pictures 1931 den ersten offiziellen Dracula-Film veröffentlichte, war sein Schöpfer bereits seit fast zwei Jahrzehnten tot. Er wusste nichts von Bela Lugosi, nichts von Christopher Lee, nichts von jener unüberschaubaren Bilderwelt, die aus seinem Roman hervorgehen sollte. Er starb in der Annahme, ein geachteter Schriftsteller unter mehreren zu sein.

Vielleicht lohnt es sich gerade deshalb, den Blick noch einmal auf den Autor zu richten.

Die Manuskripte, die heute in der Rosenbach Library in Philadelphia aufbewahrt werden, erzählen eine andere Geschichte als die spätere Legende. Sie zeigen keinen Visionär im Zustand plötzlicher Eingebung, sondern einen außerordentlich sorgfältigen Arbeiter. Seiten voller Korrekturen, Randnotizen und gestrichener Namen dokumentieren einen langen Entstehungsprozess. Literatur erscheint hier nicht als Inspiration, sondern als Handwerk.

 

Genau darin liegt die eigentliche Nähe zu einer Writers Edition von Montblanc. Nicht Dracula steht am Anfang dieses Schreibgeräts.

Sondern Bram Stoker. Nicht der Mythos. Sondern der Mann, der Nacht für Nacht an seinem Schreibtisch saß, historische Quellen studierte, Manuskriptseiten neu ordnete und über Jahre hinweg an einem Roman arbeitete, dessen eigentliche Wirkung erst lange nach seinem Tod sichtbar werden sollte.

Der Vampir hat seinen Schöpfer unsterblich gemacht. Doch bevor Dracula zur Legende wurde, war er nichts weiter als Tinte auf Papier.

Das London, in dem Bram Stoker an Dracula arbeitete, war die selbstbewussteste Hauptstadt der Welt. Das Empire umspannte nahezu ein Viertel der Erdoberfläche, britische Schiffe beherrschten die Weltmeere, die City finanzierte Eisenbahnen auf mehreren Kontinenten, und die Wissenschaft schien täglich neue Beweise dafür zu liefern, dass der Mensch die Natur bald vollständig beherrschen würde. Charles Darwin hatte das Weltbild erschüttert, Louis Pasteur die Medizin revolutioniert, Thomas Edison die Elektrizität in den Alltag getragen. Fortschritt war im viktorianischen England keine Hoffnung mehr, sondern Gewissheit.

Gerade deshalb wirkt Dracula bis heute so modern.

Stoker erzählt nämlich nicht vom Sieg des Aberglaubens über die Vernunft. Er erzählt von einer Gesellschaft, die erkennen muss, dass Vernunft allein nicht genügt. Seine Helden sind Ärzte, Juristen, Wissenschaftler und Aristokraten. Sie schreiben mit Schreibmaschinen, verschicken Telegramme, arbeiten mit Phonographen, analysieren Blut und organisieren ihre Erkenntnisse mit einer Akribie, die beinahe an ein modernes Ermittlungsverfahren erinnert. Betrachtet man lediglich diese Seiten des Romans, könnte man meinen, einen technischen Zukunftsroman zu lesen.