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Zwischen Plakatkunst und Schreibkultur: Pelikan entdeckt seine eigene Geschichte neu

Heute wirken Werbeplakate selbstverständlich. Ende des 19. Jahrhunderts waren sie eine kleine kulturelle Revolution. Die Großstadt begann zu leuchten, Litfaßsäulen wurden zu öffentlichen Bildflächen, und Unternehmen entdeckten plötzlich, dass man Produkte nicht nur erklären, sondern inszenieren konnte. Genau in dieser Übergangszeit entstand Georg Tippels Pelikan-Plakat „Grundfarben“ von 1899 — ein Werk, das heute erstaunlich modern wirkt.

Der Ursprung dieser Entwicklung lag in Frankreich. Paris war das Zentrum der neuen Plakatkunst. Künstler wie Jules Chéret machten farbige Lithographien massentauglich und verwandelten die Straßen der Stadt in eine Art offene Galerie. Bald folgten Namen wie Henri de Toulouse-Lautrec, Alphonse Mucha oder Théophile Steinlen. Ihre Plakate warben für Cabarets, Liköre, Zigarettenpapier, Fahrräder, Theater oder Cafés. Werbung wurde erstmals atmosphärisch, dekorativ und emotional.

Historiker sprechen für diese Zeit sogar von einer regelrechten „Affichomanie“, einer Begeisterung für das Sammeln von Plakaten. Die Straße wurde zum Ausstellungsraum moderner Grafik. In Deutschland kam diese Entwicklung etwas später an, aber mit großer Dynamik. Die Industrialisierung brachte Warenhäuser, neue Marken und eine wachsende Konsumkultur hervor. Gleichzeitig entstand mit Zeitschriften wie „Jugend“ ab 1896 jene Bildsprache, die später als Jugendstil bekannt wurde. Künstler begannen, Gebrauchsgrafik ernst zu nehmen. Werbung wurde nicht länger bloß als Reklame verstanden, sondern als kulturelle Gestaltung.

Genau in diesem Umfeld arbeitete Georg Tippel. Tippel wurde 1875 in Stettin geboren und gründete 1896 in Berlin eine eigene Kunstdruckerei. Später arbeitete er an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin und bewegte sich in jener neuen Welt zwischen Illustration, Grafik, Lithographie und angewandter Kunst. Er gehörte nicht zu den großen Malerstars seiner Zeit, sondern zu jener Generation von Gebrauchsgrafikern, die moderne Markenbilder überhaupt erst erfanden.

Das macht seine Verbindung zu Pelikan interessant.

Denn Pelikan gehörte zu den erstaunlich frühen Unternehmen, die verstanden hatten, wohin sich Werbung entwickelte. Der Unternehmer Fritz Beindorff schrieb 1898/99 einen internationalen Plakatwettbewerb aus. Pelikan spricht heute von mehr als 500 eingereichten Entwürfen. Ziel war nicht einfach ein hübsches Werbebild. Gesucht wurde eine visuelle Identität für die Marke.

Das war ungewöhnlich. Viele Plakate jener Zeit warben für Dinge, die sich unmittelbar sinnlich inszenieren ließen: Alkohol, Zigaretten, Mode, Theater, Unterhaltung. Pelikan dagegen verkaufte Tinten, Farben und Schreibmaterialien — Produkte also, die sich schwer emotionalisieren ließen.

Tippels Antwort darauf war bemerkenswert modern. Anstatt Tintenflaschen, Fabriken oder chemische Präzision zu zeigen, entwickelte er eine symbolische Bildsprache. Sein Pelikan nährt die Jungen im Nest — ein Motiv, das auf eine mittelalterliche Legende zurückgeht, nach der der Vogel seine Brut mit dem eigenen Blut versorgt. Das Bild stand traditionell für Fürsorge, Verantwortung und Opferbereitschaft.

Genau diese Werte übertrug Pelikan auf die Marke.

Damit geschah etwas Neues: Das Produkt trat in den Hintergrund, das Symbol rückte nach vorne. Pelikan verkaufte nicht länger nur Farbe oder Tinte, sondern Vertrauen, Kontinuität und Verlässlichkeit. Werbung wurde hier nicht bloß Information, sondern Identität.

Rückblickend markiert „Grundfarben“ deshalb einen erstaunlich frühen Moment moderner Markenführung. Viele heutige Luxusmarken arbeiten genau nach diesem Prinzip: Nicht das Produkt allein erzeugt Bedeutung, sondern die Geschichte und Symbolik dahinter.

Dass Pelikan das Motiv heute mit dem Souverän M600 Pelikan Art Collection 3 Georg Tippel wieder aufgreift, wirkt deshalb fast folgerichtig. Die neue Art Collection überträgt Elemente von Tippels Plakat — vor allem die charakteristischen Wolkenformationen — in das Design eines modernen Füllhalters. Dadurch entsteht keine nostalgische Kopie, sondern eine bemerkenswert konsequente Fortsetzung jener Bildwelt, die bereits 1899 begann.

Der Pelikan als Symbol

Das zentrale Bild wirkt heute beinahe überraschend ruhig: der Pelikan als fürsorgliches Elterntier, das seine Jungen nährt. Dahinter steckt eine alte christlich geprägte Legende, nach der der Pelikan seine Jungen mit dem eigenen Blut versorgt — ein Symbol für Fürsorge, Hingabe und Verantwortung. Über Jahrzehnte wurde dieses Motiv Teil der Markenidentität von Pelikan.

Gerade deshalb funktioniert die neue Edition erstaunlich gut. Viele Sondermodelle historischer Marken scheitern daran, Vergangenheit lediglich dekorativ zu zitieren. Pelikan geht einen anderen Weg. Die wolkenartigen Linien aus Tippels Plakat wurden abstrahiert und als rhythmisches Muster auf den Schaft übertragen. Das wirkt nicht museal, sondern grafisch modern — fast wie eine Verbindung aus Jugendstil, Art déco und zeitgenössischem Produktdesign.

Die Stärke des Modells liegt deshalb weniger im historischen Verweis als im Motiv selbst: Verantwortung als Haltung. Ein bemerkenswert stilles Thema in einer Zeit, in der viele Luxusprodukte vor allem Lautstärke produzieren.

Warum solche Editionen heute funktionieren

Der Markt hochwertiger Schreibgeräte hat sich verändert. Früher standen Technik, Material und Prestige stärker im Vordergrund. Heute suchen viele Sammler nach Objekten mit kultureller Tiefe und erzählerischem Kontext. Genau dort setzt Pelikans Art Collection an.

Interessant ist dabei auch der historische Rahmen. Um 1900 entstand aus der Verbindung von Kunst und Industrie eine neue Form visueller Markenkommunikation. Künstler wie El Lissitzky oder Kurt Schwitters arbeiteten später ebenfalls mit Pelikan zusammen. Die Marke verstand früh, dass Gestaltung nicht bloß Verpackung ist, sondern Teil der Identität eines Unternehmens.

Der damalige Unternehmer Fritz Beindorff erkannte das erstaunlich früh. Sein internationaler Plakatwettbewerb von 1898/99 war nicht einfach Werbung, sondern eine strategische Entscheidung: Kunst sollte die Marke dauerhaft kulturell aufladen. Mehr als 125 Jahre später lebt genau diese Idee weiter.

Der eigentliche Reiz des M600

Technisch bleibt der neue M600 nah an dem, was Sammler am Souverän schätzen: Kolbenmechanik, zweifarbige 14-Karat-Goldfeder, klassische Proportionen, feine Vergoldungen. Der Füllhalter versucht nicht, die Ikone neu zu erfinden. Das ist klug.

Der eigentliche Reiz entsteht vielmehr durch die Balance zwischen historischer Erzählung und Alltagstauglichkeit. Der Füllhalter wirkt nicht wie ein museales Erinnerungsstück, sondern wie ein Schreibgerät, das benutzt werden will. Gerade darin liegt die Qualität vieler guter Pelikan-Editionen: Sie bleiben Schreibinstrumente und werden nicht zu Designobjekten, die nur noch angeschaut werden dürfen.

Auch die beiliegende Miniatur des historischen Plakats passt dazu. Sie erinnert daran, dass Marken früher oft stärker über Bilder, Symbole und kulturelle Erzählungen funktionierten als über permanente Produktneuheiten.

Eine Edition gegen die Beschleunigung

Vielleicht erklärt genau das den Reiz solcher Modelle im Jahr 2026. Während digitale Geräte immer schneller altern, erzeugen hochwertige Schreibgeräte eine andere Form von Zeitgefühl. Sie müssen nicht jährlich neu erfunden werden. Sie gewinnen eher durch Kontinuität.

Der neue Souverän M600 Pelikan Art Collection 3 Georg Tippel erzählt deshalb nicht nur etwas über Pelikans Geschichte. Er erzählt auch etwas über die Sehnsucht nach Dingen, die länger bleiben als der nächste Produktzyklus.

Zurück in Frankreich sollte jedoch das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eine eigene Revolution der Plakatgestaltung erleben – mit der Ankunft des in Italien geborenen Leonetto Cappiello in Paris im Jahr 1898. Cappiellos Arbeiten wurden so einflussreich, dass er häufig als „Vater“ der modernen Werbung bezeichnet wird. Seine entscheidende Neuerung, die bis heute zu den Grundlagen der Werbung gehört, beruhte auf dem psychologischen Prinzip der Bildassoziation. Er war der Erste, der ein Produkt bewusst mit einem sofort wiedererkennbaren Symbol oder Bild verband. Sah der Betrachter später das Symbol, erinnerte er sich automatisch an das Produkt.

In „Maurin Quina“ von 1906, einem Plakat für den gleichnamigen französischen Aperitif, zeigt Cappiello eine teuflisch grüne Figur, die heimlich eine Flasche des beworbenen Getränks entkorkt und dabei den Betrachter verschmitzt angrinst. Alkohol, so die Vorstellung, trägt immer ein wenig Teufelei in sich; Cappiello wurde bekannt dafür, in vielen seiner Likörplakate infernalische Motive einzusetzen. In „Maurin Quina“ erinnert der freche grüne Geist zugleich an den Spitznamen und die Wirkung jenes wohl berühmtesten Getränks der Belle Époque: „la fée verte“, die grüne Fee — der Absinth.

Théophile-Alexandre Steinlen: Tournée du Chat Noir