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Keep it simple, but have fun

Wer Paul Smith verstehen will, sollte nicht zuerst auf den Streifen schauen. Er sollte auf die Haltung dahinter achten. Smith hat der Mode nicht einfach mehr Farbe gegeben. Er hat ihr gezeigt, dass Farbe dann am besten wirkt, wenn sie nicht schreit, sondern an der richtigen Stelle sitzt.

Der Ursprung dieser Haltung liegt in Nottingham. 1970 eröffnete Smith dort seinen ersten kleinen Laden. Aus dem überschaubaren Anfang wurde eine globale Marke, an deren kreativer Linie der Gründer bis heute beteiligt ist. 1976 zeigte er seine erste Kollektion in Paris, im Jahr 2000 wurde er für seine Verdienste um die britische Mode zum Ritter geschlagen. Die Kurzfassung klingt nach klassischem Aufstieg. Interessanter ist, wie wenig Smith dabei seine Methode verändert hat.

Sie lautet, in seiner eigenen Formel: „Keep it simple, but have fun.“ Das klingt leichter, als es ist. Denn Einfachheit gerät schnell zur Langeweile, Spaß schnell zum Klamauk. Smith bewegt sich seit Jahrzehnten in der schmalen Zone dazwischen. Ein Anzug bleibt bei ihm ein Anzug. Ein Hemd bleibt ein Hemd. Doch irgendwo erscheint eine Farbe, ein Futter, eine Linie, ein Detail, das die Ordnung nicht zerstört, sondern wach macht.

Diese Haltung erklärt auch, warum Smith immer wieder in anderen Branchen auftaucht. Auf dem Salone del Mobile in Mailand zeigte er mit MINI den „Garden of Curiosity“. Dass ausgerechnet das Automobil für ihn interessant ist, überrascht nur auf den ersten Blick. Auch ein Auto ist, wie ein Kleidungsstück oder ein Schreibgerät, ein Gebrauchsgegenstand mit sozialer Bedeutung. Es soll funktionieren, aber es erzählt immer auch etwas über seinen Besitzer.

Im Gespräch mit ramp-Chefredakteur Michael Köckritz wird deutlich, dass Smith solche Ausflüge nicht strategisch überhöht. „Ich entscheide ganz instinktiv, ob ich annehme oder ablehne“, sagt er. „Es gibt nichts Bestimmtes, was ich unbedingt machen will, aber ich bin immer daran interessiert, in ganz unterschiedlichen Branchen zu arbeiten, weil ich so viel lerne.“ Das ist ein bemerkenswert unaufgeregter Satz in einer Branche, die aus jeder Zusammenarbeit gern eine Weltformel macht.

Auch sein Zuhause im Westen Londons, in dem er seit Jahrzehnten mit seiner Frau Pauline Denyer lebt, passt zu dieser Denkweise. Es wirkt stilsicher, aber nicht museal; geordnet, aber nicht steril. Smith ist ein passionierter Sammler, doch seine zahllosen Fundstücke hortet er aus Rücksicht auf seine Frau eher am Firmensitz als im privaten Haus. Man darf darin eine kleine Lektion über Stil erkennen: Nicht alles, was man besitzt, muss man auch zeigen.

Sein berühmter „Signature Stripe“ entstand nach eigener Aussage nicht als großer Markenplan. „Es gab nie den Plan, diesen Streifen zu entwerfen“, sagt Smith. Das Muster habe sich organisch entwickelt. Inzwischen gehört es zu den bekanntesten visuellen Zeichen der Modewelt. Es schmückte Kleidung, Accessoires, Schreibgeräte und Fahrzeuge. Der Streifen ist dabei weniger Ornament als Prinzip: Er bringt Bewegung in die Ordnung.

Vielleicht liegt genau darin Smiths anhaltende Modernität. Er verwechselt Stil nicht mit Lautstärke. Er weiß, dass ein Gegenstand nicht interessanter wird, wenn man ihn überlädt. Manchmal genügt eine Linie. Vorausgesetzt, sie sitzt.