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Henri Matisse im Kreise seiner Freunde, Weggefährten, Rivalen:

  • André Derain – enger Verbündeter im Fauvismus; gemeinsam radikale Farbexperimente um 1905
  • Maurice de Vlaminck – impulsiver Gegenpol, wildere, ungebändigte Malweise
  • Georges Braque – begann als Fauve, wandte sich dann dem Kubismus zu
  • Raoul Dufy – dekorativer, leichter Farbklang
  • Kees van Dongen – expressiv, mondän, oft provokant.
  • Diese Gruppe wurde 1905 im Salon d’Automne als „Fauves“ („wilde Tiere“) verspottet – ein Spottname, der zur Bewegung wurde.
  • Pablo Picasso – produktive Rivalität; beide treiben sich gegenseitig zu neuen Lösungen
  • Gertrude Stein – Sammlerin, Mentorin, intellektuelles Zentrum in Paris
  • Leo Stein – früher Förderer, wichtiger Vermittler moderner Kunst
  • Guillaume Apollinaire – Dichter und Fürsprecher der Avantgarde

Henri Matisse: der Maler, der der Farbe ihre Freiheit gab


Henri Matisse gehört zu den wenigen Künstlern, die eine ganze Epoche verschoben haben. Er kam spät zur Malerei, führte den Fauvismus an, machte Farbe unabhängig von bloßer Naturtreue und erfand sich in seinen späten Jahren mit den berühmten Scherenschnitten noch einmal neu. Wer verstehen will, warum seine Werke bis heute frisch, klar und modern wirken, muss auf Linie, Fläche und Mut zur Vereinfachung schauen.

Henri Matisse wurde 1869 in Le Cateau-Cambrésis geboren. Zunächst war er kein Künstler, sondern Jurist. Das ist mehr als eine hübsche biografische Pointe. Es erklärt etwas von seiner späteren Genauigkeit. Zur Kunst fand er erst mit einundzwanzig; 1891 ging er nach Paris, studierte zunächst an der Académie Julian und dann an der École des Beaux-Arts bei Gustave Moreau. Dort begann der eigentliche Bruch: aus dem jungen Mann mit bürgerlichem Berufsweg wurde ein Künstler, der sich sehr rasch aus Schule, Regel und Konvention herausarbeitete.

Seine künstlerische Leistung lässt sich in einem Satz benennen, auch wenn er fast zu knapp ist: Matisse gab der Farbe ein Eigenleben. Farbe hatte in der europäischen Malerei lange vor allem zu dienen — der Modellierung, dem Licht, dem Raum, der Illusion. Bei Matisse trat sie nach vorn. Im frühen 20. Jahrhundert verdichtete sich das im Fauvismus. Das Metropolitan Museum beschreibt ihn als Anführer der Fauves; der Name entstand 1905 nach dem Salon d’Automne, als der Kritiker Louis Vauxcelles die Bilder der Gruppe als die von „wilden Tieren“ empfand. Was als Spott begann, wurde kunsthistorisch zum Gütesiegel.

Die eigentliche Revolution lag freilich tiefer. Matisse setzte starke, ungemischte Farben nicht bloß dekorativ ein. Er verschob mit ihnen die Ordnung des Bildes. Das Met schreibt, er habe traditionelle Dreidimensionalität zurückgewiesen und einen neuen Bildraum gesucht, der durch das Spiel von Farbflächen entsteht. MoMA formuliert es ähnlich: Dort ist von einer kühnen Experimentierfreude mit Form und Farbe die Rede, verbunden mit dem Streben nach einer harmonischen Ausdruckskunst. Genau das macht Matisse bis heute so besonders. Seine Bilder sind radikal, ohne laut sein zu müssen.

Darum greift es zu kurz, ihn bloß als Maler schöner Farben zu beschreiben. Matisse war Zeichner, Bildhauer, Grafiker, Illustrator und einer der großen Vereinfacher der modernen Kunst. Sein Werk umfasst laut Met Malerei, Zeichnung, Skulptur, Druckgrafik, Papierschnitte und Buchillustration. Diese Breite ist keine Fußnote. Sie zeigt, wie konsequent er an einer Frage arbeitete: Wie viel Welt, wie viel Körper, wie viel Bewegung und Gefühl lässt sich mit möglichst klaren Mitteln ausdrücken? Die berühmte Matisse-Linie wirkt leicht. In Wahrheit ist sie das Ergebnis äußerster Kontrolle.

Zu seinen großen Leistungen gehört auch, dass er sich nicht auf eine Erfindung festlegen ließ. Viele Künstler haben eine starke Phase. Matisse hatte mehrere. Seine frühen Fauve-Bilder sprengten den Ton der Zeit. Später entstanden die großen Flächenbilder und Interieurs, in denen Farbe, Ornament und Raum zu einer eigenen Ordnung fanden. Und in den späten Jahren kam noch einmal etwas Neues hinzu: die Cut-outs. MoMA hält fest, dass Matisse in den späten 1940er Jahren fast ganz zum ausgeschnittenen Papier als primärem Medium überging; aus bemalten Bögen, Schere und Pins wurden Werke von frappierender Freiheit. Tate beschreibt denselben Schritt als Antwort auf gesundheitliche Einschränkungen: Als Malen körperlich schwerer wurde, begann Matisse, mit der Schere in bemaltes Papier zu schneiden. Aus der Not entstand eine späte Meisterschaft.

Gerade diese Spätphase hat seinen Rang noch einmal befestigt. Die Scherenschnitte sind keine freundliche Zugabe eines alten Meisters. Sie sind ein zweiter Gipfel. Weißes Papier, Gouache, ausgeschnittene Formen, große farbige Rhythmen — weiter ließ sich Malerei kaum treiben, ohne noch im klassischen Sinn Malerei zu sein. Wer vor einem späten Matisse steht, spürt etwas Merkwürdiges: höchste Reduktion und große Sinnlichkeit fallen zusammen. Das wirkt bis heute erstaunlich frisch.

Sein Einfluss auf die Kunstszene war entsprechend groß. Das Met formuliert es ohne jede Übertreibung: Gemeinsam mit Picasso habe Matisse den Verlauf der modernen Kunst grundlegend verändert und mehrere Generationen jüngerer Maler beeinflusst. Dahinter steht eine klare Verschiebung der Maßstäbe. Farbe durfte fortan unabhängig von naturalistischer Beschreibung arbeiten. Fläche musste nicht länger nur Träger von Tiefe sein. Vereinfachung war kein Verlust mehr, sondern Gewinn. Von der Abstraktion über Farbfeldmalerei bis zur modernen Grafik führt von Matisse aus eine lange Spur. Sie verläuft nicht als Schule mit Lehrplan, sondern als Erlaubnis: so kann Malerei auch sein.

Wer seine Werke heute sehen will, muss nicht lange suchen. Das Museum of Modern Art in New York zeigt „Dance (I)” derzeit auf Floor 5 in Galerie 506. Im Metropolitan Museum of Art gehört „Young Sailor II“ zur Sammlung. Die National Gallery of Art in Washington besitzt „Open Window, Collioure“, eines der Schlüsselbilder des Fauvismus. Das Centre Pompidou bewahrt „La Blouse roumaine“, das es selbst als eine Ikone seiner Sammlung beschreibt. Bei der Tate in London hängt mit „The Snail“ eines der berühmtesten Spätwerke. Und das Musée Matisse in Nizza verfügt über eine außergewöhnlich dichte Matisse-Sammlung mit Gemälden, Zeichnungen, Druckgrafik, Cut-outs und Skulpturen aus allen Werkphasen.

Nizza verdient dabei einen eigenen Blick. Das Musée Matisse ist kein bloßer Erinnerungsort, sondern ein Haus, in dem sich das Werk über Jahrzehnte hinweg verfolgen lässt. Die offizielle Sammlung nennt 31 Gemälde, 454 Zeichnungen und Druckgrafiken, 38 Cut-outs und 57 Skulpturen. Solche Dichte ist selten. Wer Matisse nicht nur in einzelnen Meisterwerken, sondern als arbeitenden, tastenden, variierenden Künstler begreifen will, ist dort besonders gut aufgehoben.

Darum bleibt Matisse so gegenwärtig. Picasso wirkt oft härter, eruptiver, konfliktfreudiger. Matisse arbeitet heller, offener, souveräner. Seine Modernität kommt nicht aus der Pose des Bruchs, sondern aus der Klarheit seiner Mittel. Farbe, Linie, Fläche, Ornament — mehr braucht er oft nicht. Daraus entstehen Bilder, die leicht aussehen und doch eine enorme künstlerische Disziplin verraten. Genau deshalb hängt Matisse in den großen Museen der Welt nicht als freundlicher Klassiker. Er hängt dort als einer, der die Malerei bis heute mitbestimmt.

Henri Matisse
Stories behind Henri Matisse – vom Juristen zum wilden Farbrevolutionär
Henri Matisse – vom Juristen zum wilden Farbrevolutionär
Stories behind

Henri Matisse – vom Juristen zum wilden Farbrevolutionär

Vom Anwaltsgehilfen zum Mitbegründer des Fauvismus

Der Audiocast bietet eine umfassende Biografie von Henri Matisse, der als einer der bedeutendsten Wegbereiter der modernen Kunst und Mitbegründer des Fauvismus gilt. Er beschreibt seinen ungewöhnlichen Weg von der Arbeit als Anwaltsgehilfe zur Malerei, die er während einer krankheitsbedingten Genesung für sich entdeckte. Die Quelle beleuchtet wichtige künstlerische Einflüsse durch Größen wie Paul Cézanne und William Turner sowie seine berufliche Rivalität mit Pablo Picasso. Neben seinen Erfolgen auf dem globalen Kunstmarkt werden auch persönliche Schicksalsschläge und gesundheitliche Krisen thematisiert, die sein späteres Schaffen prägten. Abschließend würdigt der Artikel sein dauerhaftes Vermächtnis, das durch internationale Auszeichnungen und die Gründung ihm gewidmeter Museen in Frankreich gefestigt wurde.