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Paul Smith und Caran d’Ache: Der Kugelschreiber als Kleidungsstück

Paul Smith hat aus dem Caran-d’Ache 849 nie ein Modeaccessoire im oberflächlichen Sinn gemacht. Das wäre zu wenig. Er hat ihn behandelt wie ein gutes Jackett: klare Linie, vertraute Form, präzise gesetzte Farbe. Gerade deshalb funktioniert diese Zusammenarbeit seit Jahren so gut. Der britische Designer, berühmt für seine Streifen, seinen Humor und seine kontrollierte Exzentrik, traf auf einen Schweizer Klassiker, der seit 1969 nahezu unverändert wirkt: sechseckiger Aluminiumschaft, Druckmechanik, Metallclip, schlanke Dose, robuste Mine. Ein Schreibgerät, das nicht um Aufmerksamkeit bittet, sondern sie durch Gebrauch verdient.

Die erste Zusammenarbeit entstand 2015 zum hundertjährigen Bestehen von Caran d’Ache. Smith wählte damals zehn eigene Farben für den 849, abgestimmt auf gedeckte Pastelltöne seiner Frühjahr/Sommer-Kollektion 2016. Wallpaper beschrieb die Edition als Kombination aus klassischer Form, ultraflacher Box und Smiths unverkennbarer Signatur. Schon hier lag die Grundidee offen: Farbe sollte nicht dekorieren, sondern den industriellen Gegenstand neu lesen.

Die zweite Edition folgte 2016. Sie griff stärker auf die Paul-Smith-Streifen zurück, diesmal mit acht neuen Farbvarianten, darunter Racing Green, Peacock Blue und Rose Pink. Die Farben bezogen sich auf die Herbst/Winter-Kollektion 2016; erhältlich waren die Stifte einzeln in Metallboxen oder als Set. Smith selbst erklärte damals, er benutze Caran-d’Ache-Stifte seit sehr langer Zeit, diesmal seien die Farben von einem seiner bekannten Streifen inspiriert.

Mit der dritten Edition 2020 wurde das Prinzip noch grafischer. Nicht mehr jeder Stift war einfach eine einzelne Farbe; vielmehr trug der 849 nun das Streifenmotiv selbst. Die acht Farben der Dosen – Racing Green, Pistachio Green, Rose Pink, Orange, Coral Pink, Damson Purple, Petrol Blue und Peacock Blue – bildeten zugleich die Streifen auf dem Schaft. Aus dem Schreibgerät wurde eine kleine, asymmetrische Farbkomposition. Goldspot beschrieb genau diesen Reiz: Der strenge sechseckige Körper wird durch ungleich breite Streifen aufgebrochen, ohne seine Ordnung zu verlieren.

 

 

Die vierte Edition von 2023 war die vielleicht modischste. Sechs zweifarbige 849er erschienen in kräftigen Kontrasten: etwa Cobalt Blue/Emerald Green, Sky Blue/Lavender, Chartreuse/Rose oder Warm Red/Melrose Pink. Caran d’Ache spricht von zwölf Farben, die nicht nur auf den Stiften, sondern auch auf den passenden Metallboxen erscheinen. Technisch ist das interessant: Erst wird der Schaft vollständig lackiert, dann wird die zweite Farbe unter dem Clip per Tampondruck aufgebracht. Die Signatur „Paul Smith“ sitzt goldfarben auf der vierten Fläche gegenüber dem Clip. Wallpaper sah darin folgerichtig eine Weiterentwicklung vom ursprünglichen Zehner-Set hin zu stärker kontrastierenden Duoton-Entwürfen, mit Bezügen zu Streifen, Nähten und Farbfutter aus Smiths Modewelt.

Die fünfte Edition geht nun einen Schritt zurück – und zugleich nach oben. Zurück, weil sie ruhiger wirkt: Schwarz satiniert oder roh-silbern, darauf die „Shadow Stripes“ in acht Farben. Nach oben, weil Caran d’Ache erstmals auch den Ecridor in diese Zusammenarbeit einbezieht. Der Ecridor erhält eine präzise Streifen-Guillochierung mit den Inschriften „Paul Smith“ und „Write it down“. Daneben erscheinen 849-Kugelschreiber und Minenhalter, zweifarbige Stifte und Notizbücher. Die Kollektion ist damit nicht mehr nur eine Variante des 849, sondern ein kleines Schreibsystem im Paul-Smith-Kosmos.

Bemerkenswert ist, wie wenig diese Editionen altern. Das liegt an der Disziplin beider Marken. Caran d’Ache liefert die industrielle Grammatik: Aluminium, Sechskant, Swiss Made, nachfüllbare Goliath-Mine, Metallbox. Paul Smith liefert die Abweichung: Farbe, Streifen, britische Laune, aber nie bloßes Muster. Der 849 bleibt immer er selbst. Er trägt nur jedes Mal ein anderes Futter.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum Smith gerade dieses Schreibgerät mag. Der 849 ist kein Statusobjekt, das sich wichtigmacht. Er ist ein Gebrauchsgegenstand mit Haltung. Man kann ihn in die Tasche stecken, auf den Schreibtisch legen, verlieren, wiederfinden, nachfüllen. In einer Welt, in der Design oft als Oberfläche missverstanden wird, erinnert diese Kooperation daran, dass gutes Design zuerst aus Maß, Material und Wiedererkennbarkeit besteht. Die Farbe kommt erst danach. Aber wenn Paul Smith sie setzt, kommt sie sehr genau.